Zwischenstopp in Deutschland

Am 3. August kam ich nachmittags wohlbehalten in Deutschland an. Am nächsten Morgen hatte ich in der Uni Freiburg mein Vorstellungsgespräch für den englischsprachigen Studiengang „Liberal Arts and Sciences“ und nur wenige Tage später hatte ich zu meiner große Freude die Rückmeldung, dass ich angenommen wurde! Nun, dreieinhalb Wochen nachdem ich angekommen bin, sitze ich schon wieder im Flugzeug, um noch einmal fünfeinhalb Wochen das Leben mit den Leuten in Bolivien zu genießen, bevor ich mit dem Studium beginne. Wer hätte das noch vor wenigen Monaten gedacht? Ich am allerwenigsten. In diesem Artikel soll es jedoch vor allem darum gehen, wie es für mich war, zurückzukommen.

Mein erster Eindruck als ich aus dem Frankfurter Flughafen trat war, verdammt, ist das alles grau hier, mit den Asphaltstraßen und großen, grauen Flughafengebäuden! Als ich mir dann, wie seit einem Jahr geplant, meinen ersten Laugenknoten kaufte, hätte ich den Preis mal lieber nicht in Bolivianos umrechnen sollen, denn der belegte Knoten kostete mehr als ich im letzten Jahr durchschnittlich pro Tag für Essen ausgegeben habe. Außerdem kamen mir die Floskeln für’s Bezahlen nicht so richtig über die Lippen und immer wieder wären sie mir beinahe auf Spanisch rausgerutscht. Insbesondere ein „Gracias“ lag mir häufig gefährlich weit vorne auf der Zungenspitze. Überhaupt konnte ich mich bis zum Ende nicht so recht daran gewöhnen, dass ich in der Öffentlichkeit mit Leuten, die ich nicht kenne, „einfach“ Deutsch sprechen kann! Im ICE habe ich mich nach den Bussen in Bolivien gesehnt, wo man immer einen Sitzplatz sicher hatte. Von der Kulanz der netten Zugbegleiterin, die mein, unter der Rail&Fly Nummer nicht auffindbares, Ticket einfach akzeptierte, um mir einen komplizierten Prozess zu ersparen, war ich wiederum sehr positiv überrascht. Draußen rauschte die saftig dunkelgrüne Landschaft vorbei, die noch grüner und schöner war, als ich sie in Erinnerung hatte. Zuhause erwartete mich zu meiner großen Freude mein Cello, das so unglaublich wunderschön und weich klingt, und meine Mutter mit ihrer veganen Wildkräuterernährung, die für mich dann doch irgendwie ein zu großer Kulturschock nach dem bolivianischen Essen war. Überhaupt trat die erwartete Freude über das, besonders von den anderen Freiwilligen, lang ersehnte deutsche Essen bisher bei mir nicht ein. Ich finde es durchaus beeindrucken wie gut und reichlich unser Essen ist, in was für einem Überfluss wir leben und doch konnte ich mich in den letzten Wochen nicht ganz so sehr daran erfreuen, wie manch anderer. Ich empfinde es eher neutral: das eine geht, das andere auch. Wo man is(s)t, ist es schon gut, man muss nur offen sein, sich anzupassen. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Trotzdem genieße ich es sehr, endlich wieder eine ernstzunehmende Wahl zwischen Fleisch und einem vegetarischen Gericht zu haben.

Von den Preisen in Deutschland war ich immer wieder auf’s neue schockiert. Ich habe mich doch sehr daran gewöhnt, so wenig Geld auszugeben und jetzt verschwindet das Geld einfach so von meinem Konto. Lebensmitteleinkauf für 15€. Sonst waren das 15 Bolivianos (1€ entspricht etwa 7-8 Bolivianos). Haare schneiden bei Hairkiller (der war doch früher so billig??!!): 27€, weil ich auch noch den Langhaarzuschlag bezahlen musste. Wenigstens haben sie’s gut gemacht. Aber in Bolivien hätte mich der Spaß 60 Bolivianos gekostet. Ein Teller beim Libanesen: 10€. In diesem Fall hat es mir zwar wirklich besser geschmeckt als auf dem Markt in Sucre, aber dort hätte ich für einen üppigen Teller das gleiche in Bolivianos bezahlt – und für einen vegetarischen sogar nur 6 Bolivianos. Die Preise sind also teilweise gleich, obwohl der Euro 7 mal so viel wert ist.

Ich dachte immer, in Deutschland bin ich doch auch viel gereist und ich werde bestimmt einige spontane Reisen unternehmen, aber ich hatte echt vergessen, wie kompliziert und teuer Transportmittel hier sind. Für den Bus von Darmstadt zum Flughafen habe ich das gleiche gezahlt, wie für eine Busfahrt von Sucre nach Santa Cruz – die mehr als 12 Mal so lange dauert. Klar sind die Transportmittel hier um einiges moderner, aber ist das wirklich nötig? Von den Klimaanlagen bekomme ich am Ende doch nur eine Erkältung (dieses Flugzeug ist ein fliegender Kühlschrank!) und die Bussitze in Bolivien sind immer noch die bequemsten, die ich kenne. An das Buchen lange im Voraus kann ich mich im Moment überhaupt nicht gewöhnen. In Bolivien bin ich einfach zur Terminal (Busbahnhof) gegangen und habe mir ein Ticket gekauft, wobei ich mir sogar direkt den Platz aussuchen konnte. In Deutschland geht vieles online oder eben auch nicht, denn dann kann keine Preisauskunft gegeben werden, weil – ja warum eigentlich nicht?! Und warum kann ein Ticket, also die gleiche Leistung, nicht einfach immer das gleiche kosten? Da ich mich nicht an die minutengenauen Abfahrtzeiten gewöhnen kann, tendiere ich dazu, gestresst im Bahnhof rumzugejoggen. Umsteigen ist auch eine Herausforderung für sich, es ist so bequem, einfach die ganze Fahrt über sitzen bleiben zu können. Aber ich will mich auch nicht nur beschweren. In den dreieinhalb Wochen bin ich mehrmals mit meinem Cello Zug gefahren und habe viel Hilfsbereitschaft und Offenheit von meinen Mitfahrern erlebt. Zu meiner Freude wurde sehr häufig darauf angesprochen. Diese Offenheit der Leute und das Interesse daran, sich mit jemanden einfach zu unterhalten, habe ich als sehr schön empfunden.

Ich mag die sauberen, sortierten (Alt-)Städte Deutschlands und gleichzeitig vermisse ich manchmal schon ein bisschen das bunte Chaos aus Bolivien. Auch finde ich es schade, dass die meisten Straßen gepflastert oder zubetoniert sind. Es würde mit dem vielen Regen hier wahrscheinlich tatsächlich nicht gut funktionieren, aber es fehlt mir einfach so ein bisschen der Kontakt zur Erde.

Überhaupt ist mir bewusst geworden, wie sehr Kultur und z.B. auch Mode von dem jeweiligen Klima abhängt. In Sucre, wo das Klima das ganze Jahr über ähnlich ist, kann man auch das ganze Jahre über das gleiche anziehen. In Deutschland muss man seinen Kleiderschrank im Winter mit den Winterklamotten bestücken und immer darauf gefasst sein, dass es anfangen könnte zu regnen. In Sucre kann man sich zu 90% darauf verlassen, dass es im Herbst, Winter und Frühling kaum regnet und damit ganz anders planen. In Deutschland müssen wir doch immer noch einen Plan B haben, damit das Programm nicht wegen einem Wolkenbruch ausfallen muss. Wenn wir Pech haben, regnet es mal drei Tage oder mehr am Stück, was schon auf das Gemüt und die Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, schlagen kann. In Sucre geht ein Regen dahingegen immer schnell vorbei und dann erstrahlt auch schon wieder der immer blaue, wolkenfreie Himmel auf’s neue.

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Das große Problem an diesem Dauerschönwetter ist jedoch, dass das Klima recht trocken ist, was sowohl zu Wasserknappheit führt, als auch der Grund dafür ist, dass mir das Grün fehlt.

In Bolivien hatte ich ja immer das Gefühl, dass Deutschland durchschnittlich zwar schon recht hellhäutig ist, aber doch viel bunt gemischt als ich Bolivien empfunden habe. Ich habe den Eindruck, dass es dadurch auch einfacher ist, egal mit welcher Haut- und Haarfarbe seinen Platz zu finden, weil man nicht direkt als Ausländer abgestempelt wird, da es inzwischen einfach viele gibt, die nicht blond und blauäugig, aber in Deutschland aufgewachsen sind. Gleichzeitig war ich mir nicht sicher, ob ich mir das vielleicht doch nur eingebildet hatte. Doch nun kann ich berichten: Ich empfinde es immer noch so. In den Straßen gibt es einfach alles und obwohl ein buntes indisches oder afrikanisches Kleid doch auffällt gibt es auch bei der Mode viele unterschiedliche und dennoch akzeptierte Stile, die oft mehr über die Persönlichkeit, als über die Herkunft aussagen.

Ich war überrascht darüber, wie viele Fremdsprachen ich so in den Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln hören konnte! Als ich in der Sportarena ausschließlich von Französisch und arabischen Sprachen umgeben war, habe ich mich schon gefragt, wie sich dieses multikulturelle Leben einmal auf unser zukünftiges Zusammenleben auswirken wird. Ich finde es ja durchaus spannend und mache absolut mit und dennoch werden wir uns darauf einstellen müssen. Wie gehen wir damit um, dass vielleicht eines Tages ein Großteil der Menschen nicht mehr der Landessprache mächtig sein wird? Werden wir uns letztendlich doch weltweit auf eine Sprache (Englisch?) einigen? Was wird mit den anderen Sprachen passieren? Werden sie weiterhin in den Familien und entsprechenden Freundeskreisen gesprochen werden? Für mich habe ich jedoch noch einmal festgestellt, wie wichtig eine gute Integration der Menschen, die in einem anderen Land leben, als in dem sie aufgewachsen sind, ist. Dabei geht es mir gar nicht in erster Linie um die Frage, wer jetzt die Kultur der anderen übernehmen muss, sondern darum, dass sich Freundeskreise bilden, bei denen sich Einheimische und Eingewanderte mischen. Wie viel hat sich für mich nicht geändert, als ich in Bolivien endlich einen bolivianischen Freundeskreis hatte? Man erfährt einfach viel mehr von den Angeboten vor Ort, hat die Möglichkeit die Landessprache zu lernen und sich auszutauschen.

Ich fand es angenehm, mir in Deutschland nicht so viel Gedanken darum machen zu müssen, dass mir etwas geklaut werden könnte. Auch dass die Polizei normalerweise tatsächlich hilfsbereit ist, ist ein Unterschied zu meinen Erfahrungen in Bolivien.

Gleichzeitig finde ich es ein bisschen anstrengend, dass alles so gut geregelt ist. Für was man nicht alles Strafe zahlen könnte, wenn man erwischt werden würde! Immer automatisch den Anschnallgurt zu benutzen habe ich einfach verlernt. Oft fällt es mir erst ein, wenn irgendwas anfängt zu piepen, um mich darauf hinzuweisen. Außerdem habe ich mich noch nicht so richtig wieder daran gewöhnt, Öffnungszeiten ernst zu nehmen.

Vielen von uns Freiwilligen waren recht schockiert gewesen von der hohen Plastikmüllproduktion, die wir in Bolivien erlebt haben, insbesondere durch die ganzen Plastiktüten. Hier in Deutschland werden zwar wirklich kaum noch Einkaufstüten verwendet und teilweise muss man sogar dafür zahlen und dennoch ist unglaublich viel – insbesondere in der Kosmetikabteilung – schon von der Fabrik aus in Plastik verpackt. Ich finde trotzdem, sich in Deutschland wirklich Mühe gegeben wird, aber es gibt auch noch Verbesserungspotential.

Ich mag diese Kultur des Spazierengehens. Auf dem Weg zum Jesuitenschlößchen den Schönberg hinauf, sind wir so vielen Menschen begegnet, die ganz wunderbar ausgeglichen, glücklich und offen wirkten und oft in intensive Gespräche vertieft waren. Das habe ich in Bolivien nie so gesehen.

Als ich vom Schönberg auf Freiburg heruntergeschaut habe, konnte ich wirklich gut verstehen, warum das Grün mir so gefehlt hatte. Mit den noch frischen Bildern vom immer rot-braunen Sucre im Kopf kam mir Freiburg beinahe wie ein Dschungel mit Häusern dazwischen vor.

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Aus all diesen Erfahrungen nehme ich auf jeden Fall mit: um etwas neues erleben zu können, muss man loslassen und gerade wenn man irgendwo für ein Jahr hingeht, kommt man da früher oder später eh nicht drum herum. Auch wenn es nicht einfach ist, habe ich für mich gemerkt, dass ich mich bisher an alles gewöhnen konnte. Wichtig ist einfach, dass man das genießt, was man gerade hat und dem Rest nicht hinterher trauert, denn man kann einfach nicht alles gleichzeitig haben.

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Ich bin eine Erdenbewohnerin – eine Hommage an die Einheit

Auf Fotos, auf denen die Erde von oben zu sehen ist, ist unser Planet einfach nur eine blaue Kugel mit grünen Flecken umgeben von weißen Wolken. Keine Linien, keine Grenzposten, keine Mauern, alles eins. Warum müssen wir diese Einheit bloß in kleine Teile aufteilen? Warum können wir uns nicht die Freiheit lassen, uns frei darauf zu bewegen? Warum kann nicht jeder dort leben, wo er sich wohlfühlt?

Laut Theresa May ist ein Weltenbürger ein Bürger aus dem Niemandsland, weil er nirgends dazugehört (http://www.zeit.de/2017/12/brexit-theresa-may-grossbritannien/seite-2 „Wer glaubt, er sei ein Weltbürger, ist in Wahrheit ein Bürger aus dem Niemandsland”). Was ist denn das Niemandsland? Ist all das, was wir nicht von klein auf kennen und gewöhnt sind gleich zu niemandem zugehörig? Es ist sicherlich nicht verkehrt, sich seiner Herkunft bewusst zu sein, doch spricht ein solches Bewusstsein wirklich gegen ein Weltzugehörigkeitsgefühl?

Eine gewisse Klarheit ist sicherlich von Vorteil. Es sollte nicht einer Kartoffeln anpflanzen und der nächste sie ernten und davon leben. „Mein“ und „Dein“ ist also grundsätzlich eine positive Entwicklung. Aber ein Acker ist doch noch lange kein ganzes Land! Länder sind das Ergebnis von Unterwerfung und im besten Falle Vereinigung. Doch wann werden wir endlich einsehen, dass wir alle im gleichen Boot – beziehungsweise auf dem gleichen Planeten – sitzen? Wir können nicht mehr in Ländern denken, dafür sind die Geschehnisse auf der Erde viel zu sehr ineinander verstrickt.

Was befürchten die Gegner einer Welteinheit? Überfremdung? Kultur- und/oder Traditionsverlust? Dass es aufgrund von Ländermangel keine Fußballweltmeisterschaft mehr geben wird? Kennen sie nicht die Freude, wenn man nach einer Reise wieder nach Hause zurückkehrt und sich zugehörig fühlt? Als würden so viele Menschen in ein anderes Land auswandern, wenn die Grenzen von den Landkarten und damit hoffentlich auch aus den Köpfen gestrichen werden würden! Dafür ist das menschliche Heimatgefühl meiner Erfahrung nach viel zu groß! Dafür kommt man meiner Meinung nach viel zu gut zurecht mit den Lebensumständen, an die man gewöhnt ist. Außerdem neigen Menschen dazu, an anderen Menschen zu hängen, weshalb ich glaube, dass Familien und Freundschaften stark genug sind, damit kein großes Chaos ausbricht. Und selbst wenn, würde meiner Meinung nach auch daraus wieder etwas interessantes entstehen. Das einzige was von einer Welteinheit wirklich Schaden nehmen würde, wäre die Rüstungsindustrie. Für was sollten noch Waffen produziert werden, wenn Krieg nicht mehr möglich wäre, weil es keine Feinde gäbe?

Gerade in Europa lässt sich bereits gut beobachten, was für ein reger Austausch meist an den Grenzen herrscht. Besonders in Gebieten wie dem Elsaß, die bereits zu verschiedenen Ländern gehörten, ist gut zu sehen, wie egal es ist, zu welchem Land eine Region gehört. Durch die EU haben wir die gleiche Währung, können nach Belieben über die Grenzen und um den kulturellen Austausch zu unterstützen lernen wir in der Schule die Sprache der anderen, was auch noch gut für’s Gehirn ist.

Gibt es deswegen eine Überfremdung in einem der beiden Länder? Und was heißt schon „Überfremdung“? Fremd ist nur das, wofür man sich noch nicht die Zeit genommen hat, es kennenzulernen. Und selbst wenn viele Menschen ihren Wohnort wechseln würden, würde sich bestimmt bald ein neues Gleichgewicht einstellen.

Natürlich gibt es Traditionen, aber Traditionen können sich auch verändern und weiterentwickeln. Genau daraus sind sie ja entstanden und es gibt eigentlich keinen Grund, warum sie plötzlich wie versteinert gegen alle Veränderung immun werden sollten.

Die amerikanische Kultur wie es sie heute gibt, gab es vor 500 Jahren beispielsweise noch nicht. Sie hat sich aus den Kulturen von all den verschiedenen Menschen entwickelt, die sich dort über die Jahre hinweg dort angesiedelt haben. Eigentlich sollten die USA sich besonders gut darin auskennen, mit neuen und verschiedenen Kulturen umzugehen.

Ich fühle mich so hilflos, wenn ich der aktuellen Politik zuschaue. Da überstimmt die ältere Gesellschaft einfach die jüngere und wirft ihr damit Steine vor die Füße, die nicht nötig wären. Dabei gehört doch den jungen Leuten die Zukunft!

Es ist leicht zu fragen, „warum haben die Leute sich damals nicht gegen Hitler gewehrt, warum haben so viele mitgemacht?“ Doch wie viele unternehmen heutzutage wirklich etwas dagegen, dass die EU auseinander fällt und Trump durch die Weltpolitik trampelt?

Die Vereinigung durch die EU hat uns doch so viel gebracht! Allein aus pazifistischer Sicht ist sie sehr wirkungsvoll, denn es gibt schon mal 28 Länder, die zusammenhalten und sich nicht gegenseitig bekriegen. Ich empfinde es als sehr wertvoll, aus so vielen Ländern auswählen zu können, wo ich gerne wohnen und arbeiten möchte. Es ist so schön, dass wir frei umherreisen können und auch wenn eine Währung auf großer Fläche die Gefahr birgt, dass mit einem Mal sehr viel zusammenbricht, ist der Wechsel zwischen den Ländern so um einiges angenehmer.

Sobald wir jedoch in einem Land außerhalb der EU länger als einen bestimmten Zeitraum wohnen oder gar arbeiten möchten, müssen wir ein Visum beantragen und ich frage mich einfach immer wieder „warum verschwenden wir bloß unsere Lebenszeit mit diesen oft langwierigen Visaverfahren?!“ Zum Glück läuft es normalerweise eh darauf hinaus, dass die Einreise erlaubt wird, aber warum dann nicht gleich erlauben?

Doch es haben bei weitem nicht alle Menschen die gleichen Möglichkeiten. Für einen Europäer ist es um einiges einfach in Südamerika einzureisen, als es für so manchen Südamerikaner ist in Europa einzureisen. Bolivianer beispielsweise müssen, um ein Touristenvisum für Europa zu bekommen, u.a. einen Einkommensnachweis und eine Einladung von jemandem vorlegen, der im Ernstfall finanziell für sie aufkommt. Natürlich gibt es einen Kostenunterschied zwischen Europa und Bolivien und trotzdem finde ich, dass das anders geregelt werden sollte. Es könnte beispielsweise das Geld, welches in die Durchführung der Visaverfahren gesteckt wird, lieber als Auffangnetz für die zur Seite gelegt werden, die wirklich in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Im Zuge meines Freiwilligenjahres in Bolivien habe ich immer so viel über Kulturaustausch gehört, aber was ist das denn für ein einseitiger Kulturaustausch?! Wo bleibt da die Gleichberechtigung aller Menschen? Was habe ich schon getan, um einen deutschen Pass und die damit einhergehenden Freiheiten zu haben, was andere nicht getan haben?

Ich kann mich nur John Lennon anschließen, der schon seit 46 Jahren in „Imagine“ immer und immer wieder singt „I hope some day you will join us and the world will be as one“ oder Dota Kehr, die in dem Lied „Grenzen“ fragt, wo man sich zur „Erdenbewohner“ ummelden kann. Und sogar schon in dem von Beethoven vertonten Gedicht „Freude schöner Götterfunken“ schreibt Schiller „alle Menschen werden Brüder…“ Wie viele Jahre brauchen wir bloß noch, bis wir das endlich erreicht haben?

Eine wahre Herausforderung wäre es durchaus, eine solche Union zu vereinigen. Schon in der EU gibt es immer wieder Unstimmigkeiten, das würde mit mehr Ländern bestimmt nicht besser werden. Doch es gibt einfach Dinge, die wir gemeinsam in die Hand nehmen müssen, angefangen mit dem Klimawandel und seinen Folgen.

Der Grund aus dem ich diesen Text schreibe ist, dass ich gerne möchte, dass es eine Liebeserklärung mehr an die EU und eine Welteinheit gibt. Ich möchte einen Gegenpol zu den aktuellen Entwicklungen setzen. Auch wenn mein Beitrag klein ist, so ist er ein Anfang. Alles besteht aus vielen kleinen Teilen, sogar wir Menschen. Und es wird nur deswegen ein funktionierendes Ganzes, weil sie eine Einheit bilden.

Es gibt eine Bewegung, der ich mich sehr gerne anschließen möchte: „Pulse of Europe“. Im Moment bin ich jedoch noch auf dem falschen Kontinent (mit Lotte und Plakaten in der Hand durch die Straßen Sucres zu laufen würde wahrscheinlich nur Verwirrung stiften 😀 ). Deswegen möchte ich euch alle, die das lesen und mit mir und der Schlagrythmus von „Pulse of Europe“ einverstanden sind, dazu animieren, an den allwöchentlichen Versammlungen am Sonntag um 14 Uhr teilzunehmen. Hier könnt ihr schauen, ob es in eurer Stadt schon eine Bewegung gibt und wenn nicht, gründet doch einfach eine! (Auch dazu gibt es Informationen auf der Internetseite): http://pulseofeurope.eu/poe-staedte/

(Anmerkung: Den Text habe ich schon vor ein paar Monaten geschrieben)

Wie ich Bolivien lieben lernte oder „nein, maaaaan, ich will noch nicht gehn!“

Mit meinem Umzug nach Sucre wurde in meinem Leben in Bolivien wie ein Schalter umgelegt. Deswegen liegt es mir nun sehr am Herzen, einen Artikel darüber zu schreiben, wie gut es mir nun gefällt und wie glücklich ich bin, wie als Antwort auf den Artikel von vor etwa vier Monate, in dem noch alles ganz anders aussah.

Inzwischen antworte ich auf die Frage „wie gefällt es dir in Bolivien?“ immer aus tiefsten Herzen „muy bien!“

Durch die Arbeit mit der Musik habe ich in kurzer Zeit überraschend viele Leute kennengelernt, die mir alle sehr ans Herz gewachsen sind. Und ich lerne immer noch neue kennen! Oft sind es irgendwelche Zufälle: zum Beispiel habe ich vor eineinhalb Monaten angefangen, Schlagzeugunterricht in der Musikschule Riffson zu nehmen, weil ich in Erwägung gezogen habe, Musiktherapie zu studieren und das für die Aufnahmeprüfung gebraucht hätte. Als ich eines Abends länger geblieben bin – mein Schlagzeuglehrer und ich können uns ganz wunderbar unterhalten – kam eine Bolivianerin zur Tür herein, die sich erst riesig gefreut hat, dass ich Deutsche bin, weil sie viele Deutsche Freunde hat, und dann noch mehr gefreut hat, als sie hörte, dass ich Cello spiele, denn sie kannte auch Karima, die letztes Jahr hier Cellonterrich gegeben hat und in deren Fußstapfen ich gewissermaßen trete, denn alle, die ich kennenlerne, haben mindestens von ihr gehört. Die Klassikmusikwelt ist hier aber auch überschaubar. Die Frau, die ich an diesem Abend kennenlernte, arbeitet jedenfalls im Krankenhaus in Lajastambo, einem Stadtviertel etwas außerhalb, auf dem Weg nach Cajamarca und hat mich eingeladen, dort bei der Musiktherapie zu helfen. Seitdem singe ich dort jeden Freitag Nachmittag mit und spiele ein Stück auf dem Cello vor, was wirklich eine gute Übung ist. So bin ich in die sucrenser Musiktherapieszene geraten, habe vor ein paar Wochen an einem Musiktherapieworkshop teilgenommen, dabei einen Haufen Schweden kennengelernt, von denen eine am Tag drauf ein Konzert gegeben hat, bei dem sie mich nach der Hälfte spontan auf die Bühne gebeten hat, um ein bisschen mitzuspielen – und das, obwohl ich die Lieder nicht nie gehört hatte. Aber genau diese Spontanität gefällt mir!

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Außerdem haben Rodrigo und ich vor ein paar Wochen in dem Krankenhaus in Lajastambo Vivaldis Konzert für zwei Celli in Gm gespielt und zwar so auf einer Art Brücke zwischen den zwei Seiten, dass uns das ganze Krankenhaus gehört hat. Ein unglaubliches Erlebnis, das wir gerne wiederholt hätten, dies jedoch vorerst auf meinen nächsten Besuch in Bolivien verschieben müssen.

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Ich weiß nicht, ob ich die südamerikanische Musik die so in den Straßen und Radios dudelt wirklich mehr zu schätzen gelernt habe oder ob ich mich einfach mehr gewöhnt habe. Jedenfalls habe ich besonders Cumbia für mich entdeckt – einerseits weil ich das im Schlagzeugunterricht gelernt habe und andererseits, weil Rodrigo mir einiges gezeigt hat. Immer öfter kann ich inzwischen lauthals mitsingen 🙂

Lauthals gesungen habe ich auch vorletzten Samstag, als wir mit der Rockband, in die mich Rodrigo eingeladen hat, ein Konzert in einer Bar gegeben haben.

Dort haben wir sogar den ersten Satz des Cellokonzerts statt von einem Orchester begleitet mit Schlagzeug gespielt!

Nachdem wir es aus verschiedenen Gründen drei Mal verschoben haben, war am Abend vorher das Konzert mit Rodrigos Celloschülern, was immer das Ziel für unser Cellokonzert gewesen war.

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Am letzen Donnerstag hatten wir noch ein Konzert mit dem Universitätsorchester und am Freitag mit dem Schulorchester des Colegio Don Bosco. Damit war meine Arbeit in Bolivien nun wirklich vorerst abgeschlossen.

Mit meinen Celloschülerinnen lief es auch sehr gut, aber es tut mir sehr leid, sie jetzt einfach zu verlassen. Da sie in einem Kinderheim wohnen, gibt es keine finanziellen Mittel um ihren Cellonterrich weiterhin zu bezahlen, deswegen möchte ich gerne ein Projekt zu diesem Zweck ins Leben rufen. Wer Interesse hat, mich besonders finanziell zu unterstützen, kann sich gerne bei mir melden!

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Nur die zwei äußeren möchten weiter Cello spielen, die in der Mitte will lieber E-Bass lernen.

Grundsätzlich spreche ich endlich mit Abstand am meisten Spanisch, außerdem viel Englisch und naja, ab und zu eben auch mal Deutsch 😉 Endlich! Auch macht es für mich einen großen Unterschied, endlich abgesehen von kurzen Reisen, an einem Ort zu wohnen.

Besonders in der ersten Zeit nach dem Wechsel habe ich es sehr genossen, mich durch die bolivianische Küche durch zu probieren und sogar als Vegetarierin einige Neuheiten für meine Küche kennengelernt. Irgendwann hat es mich dann aber doch interessiert, was es sonst noch für Geschmäcker gibt, denn auf die Dauer wird es in de Straße und auf dem Markt als Vegetarierin doch etwas eintönig (ich sag nur Fritten mit Reis und Nudeln) und habe meine Prinzipien ab und zu etwas zur Seite gelassen. Trotzdem freue ich mich jetzt doch wieder sehr auf das so vegetarierfreundliche Deutschland, vor allem weil ich mich da auch nicht andauernd rechtfertigen muss.

Ich habe mich ganz ausgesprochen gut in Sucre eingelebt. Vor lauter Kultur kam ich am Ende gar nicht mehr hinterher – ob es nun war, weil ich selber Kultur produziert habe, oder weil andere eine Vorstellung gegeben haben. Das Problem in Sucre ist einfach, dass man viel einfach nicht mitbekommt. Dafür muss man Kontakte haben, die in irgendwelchen Whatsappgruppen sind, über die sich dann alles rumspricht.

Besonders mein Arbeitsweg zum deutsch-bolivianischen Kulturinstitut Icba ist mir wirklich ans Herz gewachsen und sehr zur Gewohnheit geworden. Unter den Bäumen des Parque Bolivar entlang, am Teatro Gran Mariscal vorbei, das für mich immer noch wie aus einem alten Film aussieht, durch einen weiteren kleinen Park, in dem ich mit meinem Cello immer unter einem gefährlich niedrigen Sonnenschirm durchtauchen musste, am Krankenhaus und der Casera mit dem leckeren Quinoa-Apfel-Getränk vorbei, die Arenales immer geradeaus, unter einem weiteren Sonnenschirm durch, den ich tatsächlich mal mit meinem Cello beinahe mitgenommen hätte, woraufhin sowohl die Ladenbesitzerin als auch ich laut lachen mussten, hoch bis zur Plaza, wo mich bereits die Zebras mit einem „buen día!!!! Sonrie!!!!!“ und jede Menge anderen Albernheiten erwarten. In dem Moment fiel mir dann meistens auf, dass ich, wenn ich erst um 9:20 Uhr aus dem Haus gehe, tatsächlich immer 10 min zu spät komme, sodass ich über die Plaza gesaust bin, wobei ich jedesmal gedacht habe, wie schön diese Ansammlung von Bäumen mitten in der Altstadt doch ist, bin die letzte Cuadra bis zur Bolivar hochgejoggt, wo ich in den wunderschönen Innenhof des Icba einbog, den beiden Frauen im Sekretariat ein „buen día“ zurief, um dann entweder von Cellomusik empfangen zu werden, oder festzustellen, dass Rodrigo noch später dran ist. Grundsätzlich kommt mir die „Hora Boliviana“ (die bolivianische Zeit, also immer ein bisschen später) sehr gelegen, aber ich habe es tatsächlich viel zu oft geschafft, meine bolivianischen Freunde noch zu toppen…

Dass ich mich so gut eingelebt habe, liegt vor allem meiner Meinung nach vor allem daran, dass ich durch die Musik plötzlich ein ständig wachsendes soziales Netz hatte. Die tiefen Freundschaften, nach denen ich mich so sehr gesehnt hatte, habe ich inzwischen also gefunden.  Jedem, der für ein paar Monate aufwärts in eine andere Stadt zieht, kann ich nur raten, das soziales Netz zur obersten Priorität zu machen. Wenn es sich nicht durch die Arbeit ergibt, bieten sich Freizeitbeschäftigung an – ob es nun Musik (in Sucre Orchester und Chor beispielsweise im Teatro Gran Mariscal, Musikunterricht, z.B. in der Musikschule Riffson beim Mercado Central – 150-180bs/pro Monat für eine Stunde täglich), Zeichenstunden (an der Ecke Calvo Avaroa gibt es eine Zeichenschule, ca. 190bs/pro Monat, auch täglich), Tanzunterricht (z.B. im Gran Mariscal) oder Mannschaftssport ist, lassen Freizeitbeschäftigungen die kulturellen Unterschiede in den Hintergrund rücken. Das hatte ich auch von Anfang an vorgehabt, aber ich wusste erstens nicht wo (im Internet findet man nichts, in Sucre läuft alles über Connections oder Zufälle) und dann war ich am Wochenende eigentlich auch immer ganz gut beschäftigt und in Cajamarca unter der Woche eben zu weit weg. Sollte jemand Tipps für Sucre brauchen, stehe ich gerne zur Verfügung. Grundsätzlich bietet es sich an, mit den Vorfreiwilligen Kontakt aufzunehmen, weil sie sich einfach am besten auskennen. Mit meiner Einstellung, nur eigene Erfahrungen machen zu wollen, habe ich mir unbeabsichtigt einige Steine vor die Füße gelegt, die nicht nötig gewesen wären.

Außerdem merke ich nun, wenn ich nun rückblickend auf das vergangene Jahr zurückblicke, dass ich mir viel Kummer sparen hatte können, wenn ich einfach nur den Moment genossen und Vertrauen gehabt hätte, dass alles schon seinen Weg gehen würde. Ich hätte mir einfach diese lähmende Angst vor der Zukunft sparen können. Denn obwohl ich mich in den letzten vier Monate viel besser in Bolivien eingelebt habe, würde ich meine Zeit in Cajamarca auch nicht missen wollen. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich mich ohne diese Zeit niemals so gut in Sucre einleben hätte können. Denn sie hat mich sehr beeinflusst und verändert und ich habe neue Seiten von mir kennengelernt, von denen ich bis dahin nicht Mal wusste, dass sie existierten. Die Erfahrung, ein Leben so abgeschieden von allem führen zu können, gibt mir die Sicherheit, nicht viel zu brauchen, um glücklich zu sein. Vor allem bin ich jedoch unglaublich dankbar für die Zeit, die ich mit den verschiedenen Leuten in Cajamarca verbringen durfte, insbesondere für die Zeit mit Lotte, Vanessa und Hayo. Ich habe viel von euch gelernt! Danke für all eure Unterstützung!

Seit meinem Wechsel bin ich einfach nur froh, in Bolivien geblieben zu sein, meinem Leben dort noch mal eine Chance gegeben zu haben. Auch wenn es am Anfang schwierig war, genau daraus habe ich viel gelernt und die letzten Monate waren so schön, dass es das auf jeden Fall wert war. Ich glaube inzwischen auch, dass meine Schwierigkeiten und verstärktes Heimweh um Weihnachten ganz normal sind. Was man bis dahin geschafft hat kommt einem noch so wenig vor im Vergleich zu dem was noch kommt, aber was ich mir nicht vorstellen konnte war, dass ich die ersten Monate tatsächlich die schwierigsten sind und dass es danach immer nur noch besser wird. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt hat, ist das wichtigste offen zu bleiben und das beste aus dem zu machen, was einem das Leben zur Verfügung stellt, aber auch sein Leben selber in der Hand zu nehmen und Veränderungen zu wagen. Das kann wirklich einen großen Unterschied machen.

Letztendlich kann man in Bolivien echt gut leben. Man findet alles, wenn man weiß wo. Nur bis hellhäutige wie ich das Image „Gring@“ ablegen können, wird es wohl leider noch etwas dauern. Das hat mich bis zum Ende belastet, wenn Leute mir oft gar nicht erst zugehört haben und mir dann grundsätzlich den Preis anstatt der Antwort auf meine eigentliche Frage gesagt haben.

Was sich leider auch nicht geändert hat ist, dass es für Bolivianer nicht so unkompliziert ist nach Europa zu kommen, wie es für uns ist, hier her zu reisen. Das finde ich einfach eine unverschämte Ungerechtigkeit. Was in die eine Richtung geht, sollte in die andere auch gehen, wo bleibt denn sonst der Austausch? Dennoch kenne ich inzwischen kenne ich echt viele, die durchaus interessiert und offen für Europa sind und einige meiner Freunde waren auch obwohl es so kompliziert ist bereits in Europa.

Der einzige Nachteil daran, dass es mir jetzt so gut gefällt ist, dass ich mich jetzt, genau wie letztes Jahr, wieder von einem Leben verabschieden muss, das ich eigentlich gerne noch  weiter leben würde. Aber ich spüre lieber Abschiedsschmerz als das Gefühl zu haben, es nicht geschafft zu haben, mich einzuleben. Bei der Abschiedsfeier die mir meine Freunde letzten Samstag organisiert zu haben, war es einfach nur schön zu sehen, wie viele nette Menschen ich in den letzten Monaten noch kennengelernt habe. Ich habe zu meiner eigenen Überraschung echt immer wieder daran gedacht, einfach noch länger in Bolivien zu bleiben, aber letztendlich habe ich nun beschlossen es bei der Uni mindestens mal zu versuchen. Aber wenn’s nicht klappt, wisst ihr, wo ihr mich antreffen könnt 😉

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So hat mein Jahr in Bolivien ein besseres Ende genommen, als ich mir je hätte träumen lassen. Nun sitze ich bereits am Flughafen in Santiago de Chile und will diesen Artikel noch schnell hochladen, bevor es wieder nach Europa geht. Ich kann nicht glauben, dass es vorbei ist. Ich kann mir nicht vorstellen, morgen wieder in Freiburg zu sein. Es gibt so viele Variablen in meiner Zukunft, dass ich im Moment nicht länger als drei Tage im Voraus plane. Ich fühle mich unglaublich bereichert durch mein Jahr in Bolivien und krieg’s einfach nicht in meinen Kopf, dass ich gerade auf dem Weg bin, mich unerreichbar weit davon zu entfernen.

Wie dem auch sei: Ich bin gespannt darauf, was die Zukunft bringt! Nun freue ich mich erstmal darauf, euch alle in Europa wieder zu sehen! Hasta muy, muy pronto!!!!!!!!!!!

Umzug und Projektwechsel nach Sucre

Als ich von meiner spontanen Reise nach Brasilien zurückkam, wurde mir bewusst, dass ich etwas ändern wollte. Erst wollte ich den Freiwilligendienst abbrechen und nach Brasilien gehen, aber bevor ich feststellen konnte, dass das nur kompliziert und sehr teuer geworden wäre, habe ich den Cellisten Rodrigo kennengelernt. Plötzlich sah ich die Möglichkeit, nach Sucre zu ziehen und mit Musik zu arbeiten. Außerdem habe ich organisiert, mehr in Sol en Casa arbeiten zu können.

Es war nicht leicht, Cajamarca zu verlassen, trotz allem. Bei all dem Hin und Her war es doch mein Zuhause. Zum Glück konnte ich aufgrund eines Streiks noch einmal hochfahren und so bei dem Abschiedslagerfeuer mit Hayo und zwei anderen Freiwilligen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, dabei sein. So bin ich mit fast allen, die mir wichtig waren, gemeinsam gegangen. Nur Lotte wollte es erst noch einmal alleine versuchen, hat sich aber dann auch entschieden zu wechseln. Sie arbeitet jetzt Vormittags in der „Escuela Móvil“ (Mobile Schule) mit Straßenkindern und Nachmittags hilft sie in einem Kinderheim beim Hausaufgaben machen und Kochen.

In der ersten Wochen, die ich ganz in Sucre verbracht habe, fand gerade das Barockfestival “VI Festival International de Música Barroca de La Plata” statt. Von Dienstag bis Freitag gab es jeden Abend ein Konzert in dem Raum der “Casa de la Libertad”, in dem Bolivien 1825 seine Unabhängigkeit erklärte. Zu Besuch war das “Ensamble Mizar” aus Argentinien und der “Conjunto de Câmera Recanto Maestro” aus Brasilien. Bei letzteren waren ein Cellist und eine Cellistin dabei, mit denen ich besonders viel zu tun hatte. Denn tagsüber gab es immer Proben und Workshops, aus denen ich sehr viel mitgenommen habe.

Mit dem Kammerorchester der Universitäthaben wir es prompt am ersten Tag des Festivals mit Foto auf die Titelseite der lokalen Tageszeitung „Correo del Sur“ geschafft – obwohl wir die einzigen waren, die keine barocke Musik gespielt haben:

Das „Festival Barroco“ stimmt die Saiten!

Hier zum vollständigen Artikel.

Am Donnerstag hatten wir mit dem Orchester einen sehr vollen Tag: Von morgens bis in den späten Nachmittag hinein haben wir im “Teatro Gran Mariscal” Álvaros Stücke gespielt.

Erst haben wir alle acht Stücke geprobt und den Ton aufgenommen, dann haben wir sie noch einmal gespielt und wurden dabei gefilmt. Zuletzt haben wir ein Konzert gegeben, welches auch noch einmal gefilmt wurde. Sobald ich den Youtube Link zu dem Video habe, werde ich ihn hier veröffentlichen.

In dieser Woche habe ich mich auch um eine neue Möglichkeit zum Wohnen umgeschaut und habe ein Zimmer in einem Haus gefunden, dass Luftlinie etwa 50m von Annelies Haus entfernt ist. Lustigerweise war es mir schon vorher aufgefallen, weil an der Terrasse mal eine Deutschlandflagge hing. Inzwischen hängt dort eine Englandflagge, doch mein Vermieter ist weder Deutscher, noch Engländer. Er ist Bolivianer, mietet den unglaublich großen Altbau und vermietet drei Zimmer über Airbnb.

Mein Zimmer hat ein Fenster zur Terrasse und damit Blick auf den Parque Bolivar.

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Es gibt regen Wechsel bei meinen Mitbewohnern, aber bisher sprachen sie alle entweder Englisch oder Spanisch, also: Ziel erreicht! Es gibt immer wieder Partys oder gemeinsame Essen, ab und zu Couchsurfer und alles in allem fühle ich mich sehr wohl in meinem neuen Zuhause!

Mein Wochenplan ist recht kompliziert, denn kein Tag gleicht dem anderen. Montag, Dienstag und Mittwoch Vormittag studiere ich mit Rodrigo ein Repertoire ein, das wir Ende Juni im Rahmen eines Konzertes vorspielen möchten und eventuell noch bei anderen Gelegenheiten.

Montag Vormittag gehe ich außerdem eine Stunde zu Sol en Casa und helfe bei der Musiktherapie mit. Die Kinder freuen sich immer noch sehr, wenn sie auf dem Cello spielen dürfen. Es ist immer noch eine sehr besondere Stimmung, einer spielt und die anderen sind still und hören zu… Donnerstag und Freitag arbeite ich den ganzen Tag in Sol en Casa. Von einem vegetarischen Restaurant haben wir gerade einen Ofen und Zutaten geschenkt bekommen, damit die Kinder Brötchen und anderes Gebäck backen können, welches dann in dem Restaurant verkauft werden soll. Das ist mindestens der Plan.

Außerdem ist der Garten, bei dem ich immer mitgeholfen habe, fertig geworden:

In der ersten Zeit bin ich zweimal pro Woche Abends mit Álvaro in das Mädchenkinderheim “Miski Wasi” gegangen, wo wir ein bisschen Musikunterricht gegeben und Musik mit den Mädchen gemacht haben. Auch dort ist mein Cello sehr beliebt. Was mich sehr gefreut hat war, wie ich in dort aufgenommen wurde. Sie haben mich einfach akzeptiert, freuen mich immer mich zu sehen und noch nicht einmal ist das Wort “Gringa” gefallen.

Seit letztem Montag gebe ich in dieser Zeit zweien der Mädchen Cellounterricht. Es ist wirklich interessant, selber dieses Instrument zu unterrichten, das mich schon so lange begleitet. Erstmal: einen großen Respekt an alle Lehrer im allgemeinen! Es ist echt nicht einfach, etwas von null aus zu erklären. Plötzlich muss ich mir Dinge, die für mich ganz natürlich sind, so bewusst machen, dass ich sie so erklären kann, dass jemand sie versteht, der sie noch nie gemacht hat.

Dreimal pro Woche helfe ich in dem Jugendorchester des Colegio Don Bosco mit, wo ich mich auch sehr wohl fühle und wir viel Spaß haben.

Seit etwa zwei Wochen helfe ich zwei Nachmittag pro Woche in dem Projekt “Nueva Esperanza” aus. Es ist ein Projekt von und für Menschen mit körperlicher Behinderung, dessen Ziel es ist, so viel Selbstständigkeit wie möglich zu erreichen. Bisher haben wir erfolglos versucht Medizinbücher in der medizinischen Fakultät zu verkaufen und bolivianische Brötchen gebacken.

Mit der Freiwilligen aus Sol en Casa habe ich angefangen, etwa ein Mal pro Woche für Straßenkinder zu backen.

Außerdem habe ich vorletzten Freitag zufällig eine Frau kennengelernt, die als Pädagogin im Krankenhaus in Lajastambo (ein etwas außerhalb gelegenes Stadtviertel, durch das wir auch immer nach Cajamarca gefahren sind) arbeitet und die mich eingeladen hat, dort Freitags bei der Musiktherapie mitzuhelfen. Dort werde ich diesen Freitag zum ersten Mal hingehen.

Insgesamt fühle ich mich ausgesprochen wohl in meinem neuen Umfeld und bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung nach Bolivien gekommen zu sein. Ich habe endlich das Gefühl, angekommen zu sein und meinen Platz in Bolivien gefunden zu haben. Jetzt, 71 Tage vor meinem Rückflug, beginne ich mich so wohl zu fühlen, dass ich länger bleiben könnte. Mein Blick auf Bolivien hat sich wirklich von Grund auf geändert. Doch dazu noch mal ein anderer Artikel.

Die Sonneninsel und wandern auf dem Takesi Trail

Ende März sind Hayo und ich über ein verlängertes Wochenende nach La Paz gefahren. Zuerst haben wir die Isla del Sol angesteuert. Endlich konnte ich mir nun auch einen Eindruck von der Sonneninsel und dem größten Binnensee Südamerikas verschaffen. Leider hatten wir jedoch nur 24 Stunden und konnten nicht die oft empfohlene Wanderung von Nord nach Süd machen, weil im Norden gerade ein Kleinkrieg herrschte. Soweit mir das ein Restaurantbesitzer erklärte, ging es darum, dass die zwei dort lebenden Völker sich nicht einigen konnten, wer nun an den Touristen verdient. So haben wir eben nur den Süden erkundet, was jedoch auch sehr schön war.

Anschließend waren wir drei Tage lang zusammen mit zwei Bolivianerinnen und dem Freund und der 11-jähriger Tochter der einen auf dem Takesi Trail wandern. Die beiden Bolivianerinnen hatten 2005 im Rahmen eines Studienaustauschs in Freiburg gewohnt, eine von ihnen bei Hayo.

Vom Ausgangspunkt der Wanderung, zu dem wir mit einem Taxi gefahren sind, ging der Weg erst ein Stück bergauf auf etwa 4700m.

Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass das Coca kauen wirklich etwas geholfen hat. Zuerst bin ich ohne Coca gelaufen und als ich dann welches gekaut habe, hatte ich den direkten Vergleich: ich musste zwar immer noch mehr atmen und hatte immer noch das Gefühl, wenig Luft zu bekommen, aber wenigstens hat mein Herz wieder in einem weniger panischen Rhythmus geschlagen. Ich kann nur die Lejía  mit Zimtgeschmack empfehlen 😉 Lejía, das ist Natrium mit Zucker, das man zu dem Coca in die Backe stopf. Sie unterstützt die Entfaltung der Wirkung des Cocas, indem es den pH-Wert des Mundes basischer macht.

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Kreuz bei der Überquerung des Passes

Nach der Überquerung des Passes ging es mit wenigen Ausnahmen nur noch bergab. Damit änderte sich jedoch auch schlagartig das Wetter und wir kamen in einen permanenten Nieselregen-Nebel. So wurden wir ziemlich nass und haben leider nicht viel von der Umgebung gesehen. Aber Nebel kann durchaus auch etwas schönes haben (ich weise noch einmal auf das Wortspiel NEBEL-LEBEN hin), sodass ich die Wanderung trotzdem genossen habe.

Durch das viele Wasser war der Weg nur recht rutschig geworden und immer wieder sah ich die anderen ausrutschen. Deswegen habe ich die ganze Zeit sehr aufgepasst, aber als ich am zweiten Tag einmal ganz besonders gut aufgepasst habe – dachte ich – fand ich mich doch einmal plötzlich auf meinem Allerwertesten wieder. Ich war so überrascht, dass ich nur lachen konnte. So ist das halt, man hat das Ausrutschen überhaupt nicht im Griff.

Am Nachmittag des ersten Tages kamen wir in das Dörfchen “Takesi”. Uns wurde gesagt, dass dort zwei Familien leben, wir haben allerdings nur ein älteres Ehepaar gesehen. Die Frau erzählte uns, dass ihre Söhne nach La Paz gezogen sind.

Ja, dieses Dörfchen war noch einmal eine ganz andere Nummer abgelegen und einsam als beispielsweise Cajamarca. Dort kam man wirklich nur zu Fuß hin, das heißt, wenn sie irgendetwas kaufen oder verkaufen möchten, läuft der Mann nach La Paz – und muss alles selber oder vielleicht noch auf dem Rücken eines Lamas oder Esels tragen. So schön ich es auch finde, irgendwo etwas abgelegen in einer Hütte zu leben, habe ich hier gemerkt, dass es mir zu weit gehen würde, dass ich durchaus eine Einsamkeitsgrenze habe.

Weil es so nass war und die Zelte, die wir dabei hatten, dem sicherlich nicht standgehalten hätten, haben wir “ein Zimmer“ in dem Dorf gemietet. “Ein Zimmer” in Anführungszeichen, weil es mehr ein Lamastall oder so war. Außer dass es nach Urin roch war es sauber und das Ehepaar hatte eine Pläne und Lamafelle auf den Boden gelegt. Wegen dem unangenehmen Geruch und auch wegen der sonst unerträglichen Kälte haben wir jedoch trotzdem die Zelte aufgaut, wobei die zwei Iglu Zelte auf den Zentimeter genau reinpassten.

Um 16 Uhr lagen wir bereits alle in unseren Schlafsäcken, denn was anderes war aufgrund der Kälte und der Nässe einfach nicht zu machen. Ich habe noch ein bisschen geschrieben und gelesen und dann haben wir geschlafen – bis um 7 Uhr am nächsten Tag, also 13-14 Stunden! Und das trotz der Kälte und dem durch die Felle zwar gepolsterterten, aber trotzdem harten Boden. Unsere Sachen waren natürlich immer noch feucht bis nass und erstmal steckten wir auch immer noch in den Wolke. Noch ein Grund aus dem ich nicht in dem Dorf leben könnte.

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Gruppenfoto vor Abmarsch, sogar mit der einen Dorfbewohnerin. Hayo wies mich darauf hin, dass ich mit meiner schwarzen Leggins und der Kapuze aussah, als hätte ich einen Taucheranzug an. So fühlte ich mich aber auch: wie eine Taucherin im Nebelmeer! (Mal eine ganz neue Abwandlung von Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“!)

Wir waren kaum fünfzehn Minuten gelaufen, als wir die Wolken hinter uns ließen und endlich wieder die Sonne zu Gesicht bekamen.

Eigentlich wollten wir am zweiten Abend schon wieder nach La Paz zurück fahren, doch dann sind wir an der Unterkunft „Las Rosas de Don Pedro“, die von einer netten Familie betrieben wird, vorbeigekommen und nachdem wir erst weiter gelaufen waren, haben wir spontan beschlossen, zurückzulaufen und dort zu übernachten. Absolut unerklärlich war uns jedoch, dass die Familie dann spurlos verschwunden war und auch bis zum nächsten Morgen nicht mehr auftauchte.

Von dem Wohnhaus der Familie bis zu dem nächsten Dorf sind es etwa drei Stunden zu Fuß. Dort gehen die Kinder der Familie zur Schule. Jeden Montag laufen sie also die drei Stunden, wohnen dann die Woche über in einem Internat und am Freitag geht’s wieder nach Hause. Das finde ich schon ganz schon beeindruckend! Vor allem, weil der Weg nicht ganz ohne ist! Wir mussten unter anderem recht abenteuerlich eine Brücke aus drei Holzstämmen überqueren und den ganzen Weg bergauf zurückzulegen stelle ich mir doch recht anstrengend vor.

Insgesamt hat mir die Wanderung sehr gut gefallen. Ich fand es wunderschön, durch die ganzen verschiedenen Klimazonen zu laufen. Immer wieder sind wir um irgendeine Felsnase herum gelaufen und plötzlich waren Flora und Fauna völlig anders als vorher. Auch wie der Sauerstoffgehalt in der Luft wieder zunahm, konnte ich besonders bei den vereinzelten Strecken bergauf spüren. Plötzlich kam mir das, was mir auf 3000m vorher teilweise als wenig vorgekommen war, plötzlich gar nicht mehr als so wenig vor. Alles eine Frage des Vergleichs.

Schön finde ich auch, dass auf dem Weg grundsätzlich nicht viele Leute unterwegs sind. Wir haben niemanden getroffen, aber wir haben gehört, dass eine Gruppe vor uns unterwegs war.

Durch diese Reise und vor allem durch die Wanderung, habe ich Bolivien nochmal ganz neu kennengelernt, ganz neu schätzen gelernt. Ich kannte echt noch nicht viel von diesem vielseitigen Land.

Kronenbrückenschach

Anmerkung: Ich habe diesen Artikel bereits um Weihnachten 2015 geschrieben, aber irgendwie nie veröffentlicht. Eigentlich weiß ich gar nicht, wie es bei der Kronenbrücke aktuell aussieht, aber ich hatte solchen Spaß dabei, diesen Artikel zu schreiben, dass ich ihn doch gerne noch veröffentlichen möchte. Außerdem wird bestimmt der ein oder andere die Erfahrungen, die mich zu diesem Artikel inspirierten, mit mir teilen können 😉 

Ab und zu werden sogar Beamte kreativ. Geradezu verspielt sogar, so unglaubwürdig es auf den ersten Blick auch scheinen mag. Doch folgendes wird Sie von dieser überraschenden These meinerseits umgehend überzeugen. Da Freiburg ja sowieso schon die „Fahrradstadt“ Deutschlands ist, dachten sich unsere lieben Stadtplaner aus dem freiburger Rathaus wohl: „warum geben wir ihnen nicht mal eine neue Herausforderung?! Fahrrad fahren sie eh schon, da können sie doch gleich auch noch ihre strategischen Fähigkeiten trainieren!“ Das Ergebnis dieses leicht wahllos anmutenden Brainstormings ist das sogenannte „Kronenbrückenschach“. Das Ganze findet, wie der Name schon vermuten lässt, tagtäglich bei der freiburger Kronenbrücke statt, genauer gesagt auf der Behelfsbrücke für Fahrradfahrer und Fußgänger, die die Stadt uns großzügigerweise einzig und allein für diesen Zweck seit einigen Monaten zur Verfügung gestellt hat. Mitmachen können alle die Lust haben, geeignet ist das Spiel für jede Altersgruppe. Schülern der oberen Klassen kann ich insbesondere die Mittagszeit empfehlen. Hier werden sie sehr leicht Anschluss finden, denn um diese Zeit werfen sich die Schüler der naheglegenen Schulen in das, dann besonders stürmisch zugehende, Gefecht. Doch das stört die Jugend ja nicht, nein, das lässt die Partie doch erst richtig spannend werden!

Die Regeln sind simpel: Das allgemeine Ziel ist, auf die andere Seite des Schachbretts – pardon, der Dreisam – zu gelangen. Dabei müssen auf beiden Seiten eine Ampel und die, die beiden Ufer verbindende, Behelfsbrücke überquert werden. Keine Sorge, Schummeln geht nicht, denn die Kronenbrücke selber ist aktuell gesperrt, da sie abgerissen werden soll um nach erfolgreich abgeschlossener Dienstzeit einem jüngeren Exemplar die Chance zu geben, die gelernten Fähigkeiten praktisch anzuwenden. Ob das „Brückenschach“ bei Dienstbeginn der Nachfolgerin weiter fortbestehen wird, steht noch zur Diskussion. Dem Andrang nach scheint es recht beliebt zu sein, doch bis diese Frage wirklich aktuell wird, haben wir zum Glück noch einige Jahre Zeit.

Aber genug von den unbedeutenden Randinformationen, zurück zu den Spielregeln, damit auch Sie sich sobald wie möglich an einer Partie erfreuen können. Das reine Überqueren hört sich erst einmal nicht wie eine außergewöhnliche Herausforderung an. Doch verzagen Sie nicht, denn den reizvollen Teil des Spiels habe ich Ihnen noch gar nicht verraten: spannend wird es nämlich hauptsächlich an den beiden Ballungszentren der Auseinandersetzung, den Ampeln, wie Sie bestimmt unschwer erraten konnten. Hier ist all Ihr strategisches Können gefragt, denn es geht heiß her, wenn die beiden Parteien aufeinander losstürmen, beide mit dem Ziel, so schnell wie möglich auf der anderen Seite anzugelangen.

Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen empfehlen, sich davor zu hüten, das Gefecht als Fußgänger anzutreten. Mit einem Zweirad ist zwar die Gefahr umzukippen höher, aber bitte, Sie als Freiburger müssen solchen Bedingungen doch locker gewachsen sein! Ich kann Ihnen versichern, dass, einer Statistik zufolge, ein Fahrrad die Chancen darauf, dass Sie Ihre Gegner schachmatt setzen werden gleich um einige Prozent steigen lässt. Sie wirken einfach ganz anders!

Wenn Sie jedoch von auswärts angereist sind, um unsere einzigartige Attraktion einmal aus der Nähe zu erleben, sollten sie das Rad vielleicht doch erst einmal auf der einen Uferseite anschließen. Wohlgemerkt anschließen, die freiburger Fahrraddiebstahlszene ist nicht zu unterschätzen! Gerade bei einem so beliebten Freizeitangebot wie dem „Kronenbrückenschach“ ist die Gefahr, Opfer der „FaDies“ (Fahrraddiebe) zu werden, besonders hoch. Doch wenn Sie ein hochwertiges Schloß aus einer spezialisierten Fahrradhandelsstelle einsetzen, werden Sie sich wohl unbesorgt einigen Übungsrunden zuwenden können, um sich daraufhin, mit dem wohligen Gefühl von Sicherheit, auf’s Rad zu schwingen. Eines sei Ihnen jedoch noch ans Herz gelegt: Fußgänger sind wie Bauern, die gehen immer als erstes drauf. Aber lassen Sie sich nicht einschüchtern, Sie machen das schon!

Sollte es Ihnen aus genannter Ursache oder auch aus anderem Grunde nicht möglich sein, sich den einschüchternden Eindruck des Zweirades zum Vorteil zu machen, rate ich Ihnen zu einem Kinderwagen. Notfalls tut’s auch ein Rollator – aber Sie müssen schon zugeben, dass so ein Kinderwagen noch mal eine ganz andere Liga ist, nicht?

Lassen Sie uns also einmal eine beispielhafte Partie gemeinsam durchgehen: Während die Ampel auf Ihrer Startseite noch rot ist, haben Sie die Möglichkeit, sich nach eigenem Ermessen strategisch gut zu positionieren. Grundsätzlich gilt, dass man am Rand schneller durchkommt, doch Sie sind ja nunmal nicht der einzige, der diesen Gedanken gefasst hat, sodass ein Startplatz in der Mitte durchaus in Erwägung gezogen werden sollte. Aber überlegen Sie nicht zu langen, denn ehe man sich’s versieht ist die Ampel auch schon grün und das Spiel beginnt.

Jetzt müssen Sie alles geben. Sich schnell rechts an einem entgegenkommenden Radfahrer vorbeischlängeln, drei Fußgänger links liegen lassen und dabei die ganze Zeit ihre Mitstreiter im Auge behalten, sodass Sie eventuelle Überholmöglichkeiten ergreifen können, wenn Sie Ihnen gegeben werden. Und lassen Sie sich nicht von Beschimpfungen der gegnerischen Partei einschüchtern, würden Sie einem so starken und gut vorbereitetem Gegner wie Ihnen selbst begegnen, müssten Sie vielleicht auch hin und wieder Ihrem Frust Luft machen. Aber bleiben Sie fair und verkneifen Sie sich ein selbstzufriedenes Grinsen, wenn Sie mal wieder einen Gegner gefährlich ins Schwanken oder sogar soweit gebracht haben, dass er, wenn er ein Radfahrer ist, zur Sicherheit einen Fuß auf den Boden setzen muss, weil Sie sich nicht einigen könnten, auf welcher Seite Sie aneinander vorbei fahren. Besonders erfüllend ist es, wenn ein Fußgänger zur Seite springen muss, weil Sie zu überzeugend unterwegs waren.

Dann ist der erste Teil auch schon geschafft und sie können beim Überqueren der Behelfsbrücke ein bisschen zu Atem kommen. Wenn Sie die Partie von der Kronenstraße aus angetreten haben, passen Sie, gerade wenn Sie noch nicht so viel Erfahrung haben, auf, dass Sie nicht aus der Kurve fliegen. Aber Sie können mir glauben, auf die Behelfsbrücke runterzurollen, um die Kurve zu sausen und dabei den Fahrtwind in den Haaren zu spüren, das sind die Momente, in denen man sich erinnert, dass das ganze hier einen Sinn hat, und sei er nur, sich beim bergabfahren den Wind durch’s Gehirn pusten zu lassen.

Wenn Sie die Partie aus der Stadt kommend angetreten haben, ist dies ein etwas kniffeliger Abschnitt, denn es geht steil bergauf und sie müssen einmal so richtig in die Pedale treten. Doch mit etwas Training können Sie gerade das zu Ihrem Vorteil machen: Wie oft habe ich nicht schon gesehen, wie der ein oder andere, der die Strapazen des Spiels unterschätzt hatte, erschöpft vom Sattel rutschen und seinen Drahtesel schieben musste. Das haben Sie nicht nötig! Sorgen Sie mit etwas Training vor und nutzen Sie diese einmalige Gelegenheit, auch den letzten penetranten Gegner auszustechen. Das gleiche kann Ihnen ebenso mit einem schweren Kinderwagen oder Rollator zum Verhängnis werden – Unterschätzen Sie das bitte nicht, wenn Sie einen Platz auf der Bestenliste anstreben.

Bleiben Sie jedoch immer entspannt und gehen Sie das Spiel locker an. Wenn ich merke, dass ich mal wieder zu sehr auf den Sieg fixiert bin, rufe ich mir immer wieder gerne ein Zitat von Tarrasch ins Gedächtnis: „Die Gegner setzen sich selber matt. Man muss nur etwas warten.“ Zu verbissen zu sein, lässt Sie engstirnig werden und verringert somit Ihre Chancen auf den Sieg.

Die zweite Ampel ist nun das Finale. Setzen Sie noch einmal alle Ihre strategischen Fähigkeiten ein, positionieren sie sich gut, um bei „grün“ ein letztes Mal alles zu geben und diese Runde hoffentlich siegreich abschließen zu können.

Ich hoffe, Ihnen hiermit die ersten Schritte in das Leben eines Kronenbrückenschachspielers zu erleichtern, doch vergessen Sie nicht: auch als Kind brauchten Sie etwas Zeit, um das Laufen zu lernen. Verzeihen Sie es sich also, wenn Ihnen nicht gleich Ihr erster Versuch einen Sieg beschert. Und selbst als erfahrener Spieler kann es mal nur für den zweiten oder dritten Platz reichen, denn „es genügt nicht, ein guter Spieler zu sein, man muss auch gut spielen.“

Zuletzt möchte ich Ihnen noch unsere Kronenbrückenschach-App Nahe legen, die Sie sich für nur 4,93€ im App Store und bei Google Play herunterladen können und mit der Sie nie wieder die Übersicht über Ihre heldenhaften Siege verlieren werden.

In diesem Sinne: machen Sie sich gleich auf, um eine erste Runde zu spielen! Verschwenden Sie Ihre kostbare Lebenszeit nicht mehr mit anderen Dinge als dem einzigartigen und sensationellen freiburger Kronenbrückenschach!

Ich hoffe, Sie bald auf dem Spielfeld anzutreffen, bis dahin, alles gute!

P.S.: Passen Sie auf, dass Sie im Eifer des Gefechts nicht ins Wasser fallen!

„Cello en Casa“

Heute habe ich mein Cello mit zu dem Therapiezentrum „Sol en Casa – Yanapasayku“ genommen, wo ich seit ein paar Wochen am Freitag morgen helfe, beeinträchtigte Jugendliche zu betreuen. Nachdem wir ein paar Pflanzen gekauft und sie im Hof in recyclete Behälter gepflanzt haben, habe ich mein Cello ausgepackt. Sofort kamen einige Kinder, haben es sich interessiert angeschaut und auf mein Angebot hin auch an den Seiten gezupft. Ich war sehr beeindruckt, wie natürlich sie sich dem Instrument genähert haben! Nachdem Omar, der betreuende Psychologe, und ich ein Lied begleitet haben, bei dem die Kinder mitgesungen haben, durften sie nacheinander ausprobieren auf dem Cello zu spielen:

Die Größe hat nicht immer ganz gepasst 😉

Sie haben wirklich gut gespielt, dafür dass sie ein solches Instrument nicht nur zum ersten Mal in der Hand hielten, sondern wohl größtenteils auch zum ersten Mal sahen! Besonders eine hat mit Herz und Seele gespielt und sehr ausdrucksvoll mit den vier Tönen der leeren Seiten improvisiert.