Die Sonneninsel und wandern auf dem Takesi Trail

Ende März sind Hayo und ich über ein verlängertes Wochenende nach La Paz gefahren. Zuerst haben wir die Isla del Sol angesteuert. Endlich konnte ich mir nun auch einen Eindruck von der Sonneninsel und dem größten Binnensee Südamerikas verschaffen. Leider hatten wir jedoch nur 24 Stunden und konnten nicht die oft empfohlene Wanderung von Nord nach Süd machen, weil im Norden gerade ein Kleinkrieg herrschte. Soweit mir das ein Restaurantbesitzer erklärte, ging es darum, dass die zwei dort lebenden Völker sich nicht einigen konnten, wer nun an den Touristen verdient. So haben wir eben nur den Süden erkundet, was jedoch auch sehr schön war.

Anschließend waren wir drei Tage lang zusammen mit zwei Bolivianerinnen und dem Freund und der 11-jähriger Tochter der einen auf dem Takesi Trail wandern. Die beiden Bolivianerinnen hatten 2005 im Rahmen eines Studienaustauschs in Freiburg gewohnt, eine von ihnen bei Hayo.

Vom Ausgangspunkt der Wanderung, zu dem wir mit einem Taxi gefahren sind, ging der Weg erst ein Stück bergauf auf etwa 4700m.

Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass das Coca kauen wirklich etwas geholfen hat. Zuerst bin ich ohne Coca gelaufen und als ich dann welches gekaut habe, hatte ich den direkten Vergleich: ich musste zwar immer noch mehr atmen und hatte immer noch das Gefühl, wenig Luft zu bekommen, aber wenigstens hat mein Herz wieder in einem weniger panischen Rhythmus geschlagen. Ich kann nur die Lejía  mit Zimtgeschmack empfehlen 😉 Lejía, das ist Natrium mit Zucker, das man zu dem Coca in die Backe stopf. Sie unterstützt die Entfaltung der Wirkung des Cocas, indem es den pH-Wert des Mundes basischer macht.

DSC_0443
Kreuz bei der Überquerung des Passes

Nach der Überquerung des Passes ging es mit wenigen Ausnahmen nur noch bergab. Damit änderte sich jedoch auch schlagartig das Wetter und wir kamen in einen permanenten Nieselregen-Nebel. So wurden wir ziemlich nass und haben leider nicht viel von der Umgebung gesehen. Aber Nebel kann durchaus auch etwas schönes haben (ich weise noch einmal auf das Wortspiel NEBEL-LEBEN hin), sodass ich die Wanderung trotzdem genossen habe.

Durch das viele Wasser war der Weg nur recht rutschig geworden und immer wieder sah ich die anderen ausrutschen. Deswegen habe ich die ganze Zeit sehr aufgepasst, aber als ich am zweiten Tag einmal ganz besonders gut aufgepasst habe – dachte ich – fand ich mich doch einmal plötzlich auf meinem Allerwertesten wieder. Ich war so überrascht, dass ich nur lachen konnte. So ist das halt, man hat das Ausrutschen überhaupt nicht im Griff.

Am Nachmittag des ersten Tages kamen wir in das Dörfchen “Takesi”. Uns wurde gesagt, dass dort zwei Familien leben, wir haben allerdings nur ein älteres Ehepaar gesehen. Die Frau erzählte uns, dass ihre Söhne nach La Paz gezogen sind.

Ja, dieses Dörfchen war noch einmal eine ganz andere Nummer abgelegen und einsam als beispielsweise Cajamarca. Dort kam man wirklich nur zu Fuß hin, das heißt, wenn sie irgendetwas kaufen oder verkaufen möchten, läuft der Mann nach La Paz – und muss alles selber oder vielleicht noch auf dem Rücken eines Lamas oder Esels tragen. So schön ich es auch finde, irgendwo etwas abgelegen in einer Hütte zu leben, habe ich hier gemerkt, dass es mir zu weit gehen würde, dass ich durchaus eine Einsamkeitsgrenze habe.

Weil es so nass war und die Zelte, die wir dabei hatten, dem sicherlich nicht standgehalten hätten, haben wir “ein Zimmer“ in dem Dorf gemietet. “Ein Zimmer” in Anführungszeichen, weil es mehr ein Lamastall oder so war. Außer dass es nach Urin roch war es sauber und das Ehepaar hatte eine Pläne und Lamafelle auf den Boden gelegt. Wegen dem unangenehmen Geruch und auch wegen der sonst unerträglichen Kälte haben wir jedoch trotzdem die Zelte aufgaut, wobei die zwei Iglu Zelte auf den Zentimeter genau reinpassten.

Um 16 Uhr lagen wir bereits alle in unseren Schlafsäcken, denn was anderes war aufgrund der Kälte und der Nässe einfach nicht zu machen. Ich habe noch ein bisschen geschrieben und gelesen und dann haben wir geschlafen – bis um 7 Uhr am nächsten Tag, also 13-14 Stunden! Und das trotz der Kälte und dem durch die Felle zwar gepolsterterten, aber trotzdem harten Boden. Unsere Sachen waren natürlich immer noch feucht bis nass und erstmal steckten wir auch immer noch in den Wolke. Noch ein Grund aus dem ich nicht in dem Dorf leben könnte.

DSC_0480
Gruppenfoto vor Abmarsch, sogar mit der einen Dorfbewohnerin. Hayo wies mich darauf hin, dass ich mit meiner schwarzen Leggins und der Kapuze aussah, als hätte ich einen Taucheranzug an. So fühlte ich mich aber auch: wie eine Taucherin im Nebelmeer! (Mal eine ganz neue Abwandlung von Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“!)

Wir waren kaum fünfzehn Minuten gelaufen, als wir die Wolken hinter uns ließen und endlich wieder die Sonne zu Gesicht bekamen.

Eigentlich wollten wir am zweiten Abend schon wieder nach La Paz zurück fahren, doch dann sind wir an der Unterkunft „Las Rosas de Don Pedro“, die von einer netten Familie betrieben wird, vorbeigekommen und nachdem wir erst weiter gelaufen waren, haben wir spontan beschlossen, zurückzulaufen und dort zu übernachten. Absolut unerklärlich war uns jedoch, dass die Familie dann spurlos verschwunden war und auch bis zum nächsten Morgen nicht mehr auftauchte.

Von dem Wohnhaus der Familie bis zu dem nächsten Dorf sind es etwa drei Stunden zu Fuß. Dort gehen die Kinder der Familie zur Schule. Jeden Montag laufen sie also die drei Stunden, wohnen dann die Woche über in einem Internat und am Freitag geht’s wieder nach Hause. Das finde ich schon ganz schon beeindruckend! Vor allem, weil der Weg nicht ganz ohne ist! Wir mussten unter anderem recht abenteuerlich eine Brücke aus drei Holzstämmen überqueren und den ganzen Weg bergauf zurückzulegen stelle ich mir doch recht anstrengend vor.

Insgesamt hat mir die Wanderung sehr gut gefallen. Ich fand es wunderschön, durch die ganzen verschiedenen Klimazonen zu laufen. Immer wieder sind wir um irgendeine Felsnase herum gelaufen und plötzlich waren Flora und Fauna völlig anders als vorher. Auch wie der Sauerstoffgehalt in der Luft wieder zunahm, konnte ich besonders bei den vereinzelten Strecken bergauf spüren. Plötzlich kam mir das, was mir auf 3000m vorher teilweise als wenig vorgekommen war, plötzlich gar nicht mehr als so wenig vor. Alles eine Frage des Vergleichs.

Schön finde ich auch, dass auf dem Weg grundsätzlich nicht viele Leute unterwegs sind. Wir haben niemanden getroffen, aber wir haben gehört, dass eine Gruppe vor uns unterwegs war.

Durch diese Reise und vor allem durch die Wanderung, habe ich Bolivien nochmal ganz neu kennengelernt, ganz neu schätzen gelernt. Ich kannte echt noch nicht viel von diesem vielseitigen Land.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s