Umzug und Projektwechsel nach Sucre

Als ich von meiner spontanen Reise nach Brasilien zurückkam, wurde mir bewusst, dass ich etwas ändern wollte. Erst wollte ich den Freiwilligendienst abbrechen und nach Brasilien gehen, aber bevor ich feststellen konnte, dass das nur kompliziert und sehr teuer geworden wäre, habe ich den Cellisten Rodrigo kennengelernt. Plötzlich sah ich die Möglichkeit, nach Sucre zu ziehen und mit Musik zu arbeiten. Außerdem habe ich organisiert, mehr in Sol en Casa arbeiten zu können.

Es war nicht leicht, Cajamarca zu verlassen, trotz allem. Bei all dem Hin und Her war es doch mein Zuhause. Zum Glück konnte ich aufgrund eines Streiks noch einmal hochfahren und so bei dem Abschiedslagerfeuer mit Hayo und zwei anderen Freiwilligen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, dabei sein. So bin ich mit fast allen, die mir wichtig waren, gemeinsam gegangen. Nur Lotte wollte es erst noch einmal alleine versuchen, hat sich aber dann auch entschieden zu wechseln. Sie arbeitet jetzt Vormittags in der „Escuela Móvil“ (Mobile Schule) mit Straßenkindern und Nachmittags hilft sie in einem Kinderheim beim Hausaufgaben machen und Kochen.

In der ersten Wochen, die ich ganz in Sucre verbracht habe, fand gerade das Barockfestival “VI Festival International de Música Barroca de La Plata” statt. Von Dienstag bis Freitag gab es jeden Abend ein Konzert in dem Raum der “Casa de la Libertad”, in dem Bolivien 1825 seine Unabhängigkeit erklärte. Zu Besuch war das “Ensamble Mizar” aus Argentinien und der “Conjunto de Câmera Recanto Maestro” aus Brasilien. Bei letzteren waren ein Cellist und eine Cellistin dabei, mit denen ich besonders viel zu tun hatte. Denn tagsüber gab es immer Proben und Workshops, aus denen ich sehr viel mitgenommen habe.

Mit dem Kammerorchester der Universitäthaben wir es prompt am ersten Tag des Festivals mit Foto auf die Titelseite der lokalen Tageszeitung „Correo del Sur“ geschafft – obwohl wir die einzigen waren, die keine barocke Musik gespielt haben:

Das „Festival Barroco“ stimmt die Saiten!

Hier zum vollständigen Artikel.

Am Donnerstag hatten wir mit dem Orchester einen sehr vollen Tag: Von morgens bis in den späten Nachmittag hinein haben wir im “Teatro Gran Mariscal” Álvaros Stücke gespielt.

Erst haben wir alle acht Stücke geprobt und den Ton aufgenommen, dann haben wir sie noch einmal gespielt und wurden dabei gefilmt. Zuletzt haben wir ein Konzert gegeben, welches auch noch einmal gefilmt wurde. Sobald ich den Youtube Link zu dem Video habe, werde ich ihn hier veröffentlichen.

In dieser Woche habe ich mich auch um eine neue Möglichkeit zum Wohnen umgeschaut und habe ein Zimmer in einem Haus gefunden, dass Luftlinie etwa 50m von Annelies Haus entfernt ist. Lustigerweise war es mir schon vorher aufgefallen, weil an der Terrasse mal eine Deutschlandflagge hing. Inzwischen hängt dort eine Englandflagge, doch mein Vermieter ist weder Deutscher, noch Engländer. Er ist Bolivianer, mietet den unglaublich großen Altbau und vermietet drei Zimmer über Airbnb.

Mein Zimmer hat ein Fenster zur Terrasse und damit Blick auf den Parque Bolivar.

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Es gibt regen Wechsel bei meinen Mitbewohnern, aber bisher sprachen sie alle entweder Englisch oder Spanisch, also: Ziel erreicht! Es gibt immer wieder Partys oder gemeinsame Essen, ab und zu Couchsurfer und alles in allem fühle ich mich sehr wohl in meinem neuen Zuhause!

Mein Wochenplan ist recht kompliziert, denn kein Tag gleicht dem anderen. Montag, Dienstag und Mittwoch Vormittag studiere ich mit Rodrigo ein Repertoire ein, das wir Ende Juni im Rahmen eines Konzertes vorspielen möchten und eventuell noch bei anderen Gelegenheiten.

Montag Vormittag gehe ich außerdem eine Stunde zu Sol en Casa und helfe bei der Musiktherapie mit. Die Kinder freuen sich immer noch sehr, wenn sie auf dem Cello spielen dürfen. Es ist immer noch eine sehr besondere Stimmung, einer spielt und die anderen sind still und hören zu… Donnerstag und Freitag arbeite ich den ganzen Tag in Sol en Casa. Von einem vegetarischen Restaurant haben wir gerade einen Ofen und Zutaten geschenkt bekommen, damit die Kinder Brötchen und anderes Gebäck backen können, welches dann in dem Restaurant verkauft werden soll. Das ist mindestens der Plan.

Außerdem ist der Garten, bei dem ich immer mitgeholfen habe, fertig geworden:

In der ersten Zeit bin ich zweimal pro Woche Abends mit Álvaro in das Mädchenkinderheim “Miski Wasi” gegangen, wo wir ein bisschen Musikunterricht gegeben und Musik mit den Mädchen gemacht haben. Auch dort ist mein Cello sehr beliebt. Was mich sehr gefreut hat war, wie ich in dort aufgenommen wurde. Sie haben mich einfach akzeptiert, freuen mich immer mich zu sehen und noch nicht einmal ist das Wort “Gringa” gefallen.

Seit letztem Montag gebe ich in dieser Zeit zweien der Mädchen Cellounterricht. Es ist wirklich interessant, selber dieses Instrument zu unterrichten, das mich schon so lange begleitet. Erstmal: einen großen Respekt an alle Lehrer im allgemeinen! Es ist echt nicht einfach, etwas von null aus zu erklären. Plötzlich muss ich mir Dinge, die für mich ganz natürlich sind, so bewusst machen, dass ich sie so erklären kann, dass jemand sie versteht, der sie noch nie gemacht hat.

Dreimal pro Woche helfe ich in dem Jugendorchester des Colegio Don Bosco mit, wo ich mich auch sehr wohl fühle und wir viel Spaß haben.

Seit etwa zwei Wochen helfe ich zwei Nachmittag pro Woche in dem Projekt “Nueva Esperanza” aus. Es ist ein Projekt von und für Menschen mit körperlicher Behinderung, dessen Ziel es ist, so viel Selbstständigkeit wie möglich zu erreichen. Bisher haben wir erfolglos versucht Medizinbücher in der medizinischen Fakultät zu verkaufen und bolivianische Brötchen gebacken.

Mit der Freiwilligen aus Sol en Casa habe ich angefangen, etwa ein Mal pro Woche für Straßenkinder zu backen.

Außerdem habe ich vorletzten Freitag zufällig eine Frau kennengelernt, die als Pädagogin im Krankenhaus in Lajastambo (ein etwas außerhalb gelegenes Stadtviertel, durch das wir auch immer nach Cajamarca gefahren sind) arbeitet und die mich eingeladen hat, dort Freitags bei der Musiktherapie mitzuhelfen. Dort werde ich diesen Freitag zum ersten Mal hingehen.

Insgesamt fühle ich mich ausgesprochen wohl in meinem neuen Umfeld und bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung nach Bolivien gekommen zu sein. Ich habe endlich das Gefühl, angekommen zu sein und meinen Platz in Bolivien gefunden zu haben. Jetzt, 71 Tage vor meinem Rückflug, beginne ich mich so wohl zu fühlen, dass ich länger bleiben könnte. Mein Blick auf Bolivien hat sich wirklich von Grund auf geändert. Doch dazu noch mal ein anderer Artikel.

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