Wie ich Bolivien lieben lernte oder „nein, maaaaan, ich will noch nicht gehn!“

Mit meinem Umzug nach Sucre wurde in meinem Leben in Bolivien wie ein Schalter umgelegt. Deswegen liegt es mir nun sehr am Herzen, einen Artikel darüber zu schreiben, wie gut es mir nun gefällt und wie glücklich ich bin, wie als Antwort auf den Artikel von vor etwa vier Monate, in dem noch alles ganz anders aussah.

Inzwischen antworte ich auf die Frage „wie gefällt es dir in Bolivien?“ immer aus tiefsten Herzen „muy bien!“

Durch die Arbeit mit der Musik habe ich in kurzer Zeit überraschend viele Leute kennengelernt, die mir alle sehr ans Herz gewachsen sind. Und ich lerne immer noch neue kennen! Oft sind es irgendwelche Zufälle: zum Beispiel habe ich vor eineinhalb Monaten angefangen, Schlagzeugunterricht in der Musikschule Riffson zu nehmen, weil ich in Erwägung gezogen habe, Musiktherapie zu studieren und das für die Aufnahmeprüfung gebraucht hätte. Als ich eines Abends länger geblieben bin – mein Schlagzeuglehrer und ich können uns ganz wunderbar unterhalten – kam eine Bolivianerin zur Tür herein, die sich erst riesig gefreut hat, dass ich Deutsche bin, weil sie viele Deutsche Freunde hat, und dann noch mehr gefreut hat, als sie hörte, dass ich Cello spiele, denn sie kannte auch Karima, die letztes Jahr hier Cellonterrich gegeben hat und in deren Fußstapfen ich gewissermaßen trete, denn alle, die ich kennenlerne, haben mindestens von ihr gehört. Die Klassikmusikwelt ist hier aber auch überschaubar. Die Frau, die ich an diesem Abend kennenlernte, arbeitet jedenfalls im Krankenhaus in Lajastambo, einem Stadtviertel etwas außerhalb, auf dem Weg nach Cajamarca und hat mich eingeladen, dort bei der Musiktherapie zu helfen. Seitdem singe ich dort jeden Freitag Nachmittag mit und spiele ein Stück auf dem Cello vor, was wirklich eine gute Übung ist. So bin ich in die sucrenser Musiktherapieszene geraten, habe vor ein paar Wochen an einem Musiktherapieworkshop teilgenommen, dabei einen Haufen Schweden kennengelernt, von denen eine am Tag drauf ein Konzert gegeben hat, bei dem sie mich nach der Hälfte spontan auf die Bühne gebeten hat, um ein bisschen mitzuspielen – und das, obwohl ich die Lieder nicht nie gehört hatte. Aber genau diese Spontanität gefällt mir!

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Außerdem haben Rodrigo und ich vor ein paar Wochen in dem Krankenhaus in Lajastambo Vivaldis Konzert für zwei Celli in Gm gespielt und zwar so auf einer Art Brücke zwischen den zwei Seiten, dass uns das ganze Krankenhaus gehört hat. Ein unglaubliches Erlebnis, das wir gerne wiederholt hätten, dies jedoch vorerst auf meinen nächsten Besuch in Bolivien verschieben müssen.

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Ich weiß nicht, ob ich die südamerikanische Musik die so in den Straßen und Radios dudelt wirklich mehr zu schätzen gelernt habe oder ob ich mich einfach mehr gewöhnt habe. Jedenfalls habe ich besonders Cumbia für mich entdeckt – einerseits weil ich das im Schlagzeugunterricht gelernt habe und andererseits, weil Rodrigo mir einiges gezeigt hat. Immer öfter kann ich inzwischen lauthals mitsingen 🙂

Lauthals gesungen habe ich auch vorletzten Samstag, als wir mit der Rockband, in die mich Rodrigo eingeladen hat, ein Konzert in einer Bar gegeben haben.

Dort haben wir sogar den ersten Satz des Cellokonzerts statt von einem Orchester begleitet mit Schlagzeug gespielt!

Nachdem wir es aus verschiedenen Gründen drei Mal verschoben haben, war am Abend vorher das Konzert mit Rodrigos Celloschülern, was immer das Ziel für unser Cellokonzert gewesen war.

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Am letzen Donnerstag hatten wir noch ein Konzert mit dem Universitätsorchester und am Freitag mit dem Schulorchester des Colegio Don Bosco. Damit war meine Arbeit in Bolivien nun wirklich vorerst abgeschlossen.

Mit meinen Celloschülerinnen lief es auch sehr gut, aber es tut mir sehr leid, sie jetzt einfach zu verlassen. Da sie in einem Kinderheim wohnen, gibt es keine finanziellen Mittel um ihren Cellonterrich weiterhin zu bezahlen, deswegen möchte ich gerne ein Projekt zu diesem Zweck ins Leben rufen. Wer Interesse hat, mich besonders finanziell zu unterstützen, kann sich gerne bei mir melden!

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Nur die zwei äußeren möchten weiter Cello spielen, die in der Mitte will lieber E-Bass lernen.

Grundsätzlich spreche ich endlich mit Abstand am meisten Spanisch, außerdem viel Englisch und naja, ab und zu eben auch mal Deutsch 😉 Endlich! Auch macht es für mich einen großen Unterschied, endlich abgesehen von kurzen Reisen, an einem Ort zu wohnen.

Besonders in der ersten Zeit nach dem Wechsel habe ich es sehr genossen, mich durch die bolivianische Küche durch zu probieren und sogar als Vegetarierin einige Neuheiten für meine Küche kennengelernt. Irgendwann hat es mich dann aber doch interessiert, was es sonst noch für Geschmäcker gibt, denn auf die Dauer wird es in de Straße und auf dem Markt als Vegetarierin doch etwas eintönig (ich sag nur Fritten mit Reis und Nudeln) und habe meine Prinzipien ab und zu etwas zur Seite gelassen. Trotzdem freue ich mich jetzt doch wieder sehr auf das so vegetarierfreundliche Deutschland, vor allem weil ich mich da auch nicht andauernd rechtfertigen muss.

Ich habe mich ganz ausgesprochen gut in Sucre eingelebt. Vor lauter Kultur kam ich am Ende gar nicht mehr hinterher – ob es nun war, weil ich selber Kultur produziert habe, oder weil andere eine Vorstellung gegeben haben. Das Problem in Sucre ist einfach, dass man viel einfach nicht mitbekommt. Dafür muss man Kontakte haben, die in irgendwelchen Whatsappgruppen sind, über die sich dann alles rumspricht.

Besonders mein Arbeitsweg zum deutsch-bolivianischen Kulturinstitut Icba ist mir wirklich ans Herz gewachsen und sehr zur Gewohnheit geworden. Unter den Bäumen des Parque Bolivar entlang, am Teatro Gran Mariscal vorbei, das für mich immer noch wie aus einem alten Film aussieht, durch einen weiteren kleinen Park, in dem ich mit meinem Cello immer unter einem gefährlich niedrigen Sonnenschirm durchtauchen musste, am Krankenhaus und der Casera mit dem leckeren Quinoa-Apfel-Getränk vorbei, die Arenales immer geradeaus, unter einem weiteren Sonnenschirm durch, den ich tatsächlich mal mit meinem Cello beinahe mitgenommen hätte, woraufhin sowohl die Ladenbesitzerin als auch ich laut lachen mussten, hoch bis zur Plaza, wo mich bereits die Zebras mit einem „buen día!!!! Sonrie!!!!!“ und jede Menge anderen Albernheiten erwarten. In dem Moment fiel mir dann meistens auf, dass ich, wenn ich erst um 9:20 Uhr aus dem Haus gehe, tatsächlich immer 10 min zu spät komme, sodass ich über die Plaza gesaust bin, wobei ich jedesmal gedacht habe, wie schön diese Ansammlung von Bäumen mitten in der Altstadt doch ist, bin die letzte Cuadra bis zur Bolivar hochgejoggt, wo ich in den wunderschönen Innenhof des Icba einbog, den beiden Frauen im Sekretariat ein „buen día“ zurief, um dann entweder von Cellomusik empfangen zu werden, oder festzustellen, dass Rodrigo noch später dran ist. Grundsätzlich kommt mir die „Hora Boliviana“ (die bolivianische Zeit, also immer ein bisschen später) sehr gelegen, aber ich habe es tatsächlich viel zu oft geschafft, meine bolivianischen Freunde noch zu toppen…

Dass ich mich so gut eingelebt habe, liegt vor allem meiner Meinung nach vor allem daran, dass ich durch die Musik plötzlich ein ständig wachsendes soziales Netz hatte. Die tiefen Freundschaften, nach denen ich mich so sehr gesehnt hatte, habe ich inzwischen also gefunden.  Jedem, der für ein paar Monate aufwärts in eine andere Stadt zieht, kann ich nur raten, das soziales Netz zur obersten Priorität zu machen. Wenn es sich nicht durch die Arbeit ergibt, bieten sich Freizeitbeschäftigung an – ob es nun Musik (in Sucre Orchester und Chor beispielsweise im Teatro Gran Mariscal, Musikunterricht, z.B. in der Musikschule Riffson beim Mercado Central – 150-180bs/pro Monat für eine Stunde täglich), Zeichenstunden (an der Ecke Calvo Avaroa gibt es eine Zeichenschule, ca. 190bs/pro Monat, auch täglich), Tanzunterricht (z.B. im Gran Mariscal) oder Mannschaftssport ist, lassen Freizeitbeschäftigungen die kulturellen Unterschiede in den Hintergrund rücken. Das hatte ich auch von Anfang an vorgehabt, aber ich wusste erstens nicht wo (im Internet findet man nichts, in Sucre läuft alles über Connections oder Zufälle) und dann war ich am Wochenende eigentlich auch immer ganz gut beschäftigt und in Cajamarca unter der Woche eben zu weit weg. Sollte jemand Tipps für Sucre brauchen, stehe ich gerne zur Verfügung. Grundsätzlich bietet es sich an, mit den Vorfreiwilligen Kontakt aufzunehmen, weil sie sich einfach am besten auskennen. Mit meiner Einstellung, nur eigene Erfahrungen machen zu wollen, habe ich mir unbeabsichtigt einige Steine vor die Füße gelegt, die nicht nötig gewesen wären.

Außerdem merke ich nun, wenn ich nun rückblickend auf das vergangene Jahr zurückblicke, dass ich mir viel Kummer sparen hatte können, wenn ich einfach nur den Moment genossen und Vertrauen gehabt hätte, dass alles schon seinen Weg gehen würde. Ich hätte mir einfach diese lähmende Angst vor der Zukunft sparen können. Denn obwohl ich mich in den letzten vier Monate viel besser in Bolivien eingelebt habe, würde ich meine Zeit in Cajamarca auch nicht missen wollen. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich mich ohne diese Zeit niemals so gut in Sucre einleben hätte können. Denn sie hat mich sehr beeinflusst und verändert und ich habe neue Seiten von mir kennengelernt, von denen ich bis dahin nicht Mal wusste, dass sie existierten. Die Erfahrung, ein Leben so abgeschieden von allem führen zu können, gibt mir die Sicherheit, nicht viel zu brauchen, um glücklich zu sein. Vor allem bin ich jedoch unglaublich dankbar für die Zeit, die ich mit den verschiedenen Leuten in Cajamarca verbringen durfte, insbesondere für die Zeit mit Lotte, Vanessa und Hayo. Ich habe viel von euch gelernt! Danke für all eure Unterstützung!

Seit meinem Wechsel bin ich einfach nur froh, in Bolivien geblieben zu sein, meinem Leben dort noch mal eine Chance gegeben zu haben. Auch wenn es am Anfang schwierig war, genau daraus habe ich viel gelernt und die letzten Monate waren so schön, dass es das auf jeden Fall wert war. Ich glaube inzwischen auch, dass meine Schwierigkeiten und verstärktes Heimweh um Weihnachten ganz normal sind. Was man bis dahin geschafft hat kommt einem noch so wenig vor im Vergleich zu dem was noch kommt, aber was ich mir nicht vorstellen konnte war, dass ich die ersten Monate tatsächlich die schwierigsten sind und dass es danach immer nur noch besser wird. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt hat, ist das wichtigste offen zu bleiben und das beste aus dem zu machen, was einem das Leben zur Verfügung stellt, aber auch sein Leben selber in der Hand zu nehmen und Veränderungen zu wagen. Das kann wirklich einen großen Unterschied machen.

Letztendlich kann man in Bolivien echt gut leben. Man findet alles, wenn man weiß wo. Nur bis hellhäutige wie ich das Image „Gring@“ ablegen können, wird es wohl leider noch etwas dauern. Das hat mich bis zum Ende belastet, wenn Leute mir oft gar nicht erst zugehört haben und mir dann grundsätzlich den Preis anstatt der Antwort auf meine eigentliche Frage gesagt haben.

Was sich leider auch nicht geändert hat ist, dass es für Bolivianer nicht so unkompliziert ist nach Europa zu kommen, wie es für uns ist, hier her zu reisen. Das finde ich einfach eine unverschämte Ungerechtigkeit. Was in die eine Richtung geht, sollte in die andere auch gehen, wo bleibt denn sonst der Austausch? Dennoch kenne ich inzwischen kenne ich echt viele, die durchaus interessiert und offen für Europa sind und einige meiner Freunde waren auch obwohl es so kompliziert ist bereits in Europa.

Der einzige Nachteil daran, dass es mir jetzt so gut gefällt ist, dass ich mich jetzt, genau wie letztes Jahr, wieder von einem Leben verabschieden muss, das ich eigentlich gerne noch  weiter leben würde. Aber ich spüre lieber Abschiedsschmerz als das Gefühl zu haben, es nicht geschafft zu haben, mich einzuleben. Bei der Abschiedsfeier die mir meine Freunde letzten Samstag organisiert zu haben, war es einfach nur schön zu sehen, wie viele nette Menschen ich in den letzten Monaten noch kennengelernt habe. Ich habe zu meiner eigenen Überraschung echt immer wieder daran gedacht, einfach noch länger in Bolivien zu bleiben, aber letztendlich habe ich nun beschlossen es bei der Uni mindestens mal zu versuchen. Aber wenn’s nicht klappt, wisst ihr, wo ihr mich antreffen könnt 😉

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So hat mein Jahr in Bolivien ein besseres Ende genommen, als ich mir je hätte träumen lassen. Nun sitze ich bereits am Flughafen in Santiago de Chile und will diesen Artikel noch schnell hochladen, bevor es wieder nach Europa geht. Ich kann nicht glauben, dass es vorbei ist. Ich kann mir nicht vorstellen, morgen wieder in Freiburg zu sein. Es gibt so viele Variablen in meiner Zukunft, dass ich im Moment nicht länger als drei Tage im Voraus plane. Ich fühle mich unglaublich bereichert durch mein Jahr in Bolivien und krieg’s einfach nicht in meinen Kopf, dass ich gerade auf dem Weg bin, mich unerreichbar weit davon zu entfernen.

Wie dem auch sei: Ich bin gespannt darauf, was die Zukunft bringt! Nun freue ich mich erstmal darauf, euch alle in Europa wieder zu sehen! Hasta muy, muy pronto!!!!!!!!!!!

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