Zwischenstopp in Deutschland

Am 3. August kam ich nachmittags wohlbehalten in Deutschland an. Am nächsten Morgen hatte ich in der Uni Freiburg mein Vorstellungsgespräch für den englischsprachigen Studiengang „Liberal Arts and Sciences“ und nur wenige Tage später hatte ich zu meiner große Freude die Rückmeldung, dass ich angenommen wurde! Nun, dreieinhalb Wochen nachdem ich angekommen bin, sitze ich schon wieder im Flugzeug, um noch einmal fünfeinhalb Wochen das Leben mit den Leuten in Bolivien zu genießen, bevor ich mit dem Studium beginne. Wer hätte das noch vor wenigen Monaten gedacht? Ich am allerwenigsten. In diesem Artikel soll es jedoch vor allem darum gehen, wie es für mich war, zurückzukommen.

Mein erster Eindruck als ich aus dem Frankfurter Flughafen trat war, verdammt, ist das alles grau hier, mit den Asphaltstraßen und großen, grauen Flughafengebäuden! Als ich mir dann, wie seit einem Jahr geplant, meinen ersten Laugenknoten kaufte, hätte ich den Preis mal lieber nicht in Bolivianos umrechnen sollen, denn der belegte Knoten kostete mehr als ich im letzten Jahr durchschnittlich pro Tag für Essen ausgegeben habe. Außerdem kamen mir die Floskeln für’s Bezahlen nicht so richtig über die Lippen und immer wieder wären sie mir beinahe auf Spanisch rausgerutscht. Insbesondere ein „Gracias“ lag mir häufig gefährlich weit vorne auf der Zungenspitze. Überhaupt konnte ich mich bis zum Ende nicht so recht daran gewöhnen, dass ich in der Öffentlichkeit mit Leuten, die ich nicht kenne, „einfach“ Deutsch sprechen kann! Im ICE habe ich mich nach den Bussen in Bolivien gesehnt, wo man immer einen Sitzplatz sicher hatte. Von der Kulanz der netten Zugbegleiterin, die mein, unter der Rail&Fly Nummer nicht auffindbares, Ticket einfach akzeptierte, um mir einen komplizierten Prozess zu ersparen, war ich wiederum sehr positiv überrascht. Draußen rauschte die saftig dunkelgrüne Landschaft vorbei, die noch grüner und schöner war, als ich sie in Erinnerung hatte. Zuhause erwartete mich zu meiner großen Freude mein Cello, das so unglaublich wunderschön und weich klingt, und meine Mutter mit ihrer veganen Wildkräuterernährung, die für mich dann doch irgendwie ein zu großer Kulturschock nach dem bolivianischen Essen war. Überhaupt trat die erwartete Freude über das, besonders von den anderen Freiwilligen, lang ersehnte deutsche Essen bisher bei mir nicht ein. Ich finde es durchaus beeindrucken wie gut und reichlich unser Essen ist, in was für einem Überfluss wir leben und doch konnte ich mich in den letzten Wochen nicht ganz so sehr daran erfreuen, wie manch anderer. Ich empfinde es eher neutral: das eine geht, das andere auch. Wo man is(s)t, ist es schon gut, man muss nur offen sein, sich anzupassen. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Trotzdem genieße ich es sehr, endlich wieder eine ernstzunehmende Wahl zwischen Fleisch und einem vegetarischen Gericht zu haben.

Von den Preisen in Deutschland war ich immer wieder auf’s neue schockiert. Ich habe mich doch sehr daran gewöhnt, so wenig Geld auszugeben und jetzt verschwindet das Geld einfach so von meinem Konto. Lebensmitteleinkauf für 15€. Sonst waren das 15 Bolivianos (1€ entspricht etwa 7-8 Bolivianos). Haare schneiden bei Hairkiller (der war doch früher so billig??!!): 27€, weil ich auch noch den Langhaarzuschlag bezahlen musste. Wenigstens haben sie’s gut gemacht. Aber in Bolivien hätte mich der Spaß 60 Bolivianos gekostet. Ein Teller beim Libanesen: 10€. In diesem Fall hat es mir zwar wirklich besser geschmeckt als auf dem Markt in Sucre, aber dort hätte ich für einen üppigen Teller das gleiche in Bolivianos bezahlt – und für einen vegetarischen sogar nur 6 Bolivianos. Die Preise sind also teilweise gleich, obwohl der Euro 7 mal so viel wert ist.

Ich dachte immer, in Deutschland bin ich doch auch viel gereist und ich werde bestimmt einige spontane Reisen unternehmen, aber ich hatte echt vergessen, wie kompliziert und teuer Transportmittel hier sind. Für den Bus von Darmstadt zum Flughafen habe ich das gleiche gezahlt, wie für eine Busfahrt von Sucre nach Santa Cruz – die mehr als 12 Mal so lange dauert. Klar sind die Transportmittel hier um einiges moderner, aber ist das wirklich nötig? Von den Klimaanlagen bekomme ich am Ende doch nur eine Erkältung (dieses Flugzeug ist ein fliegender Kühlschrank!) und die Bussitze in Bolivien sind immer noch die bequemsten, die ich kenne. An das Buchen lange im Voraus kann ich mich im Moment überhaupt nicht gewöhnen. In Bolivien bin ich einfach zur Terminal (Busbahnhof) gegangen und habe mir ein Ticket gekauft, wobei ich mir sogar direkt den Platz aussuchen konnte. In Deutschland geht vieles online oder eben auch nicht, denn dann kann keine Preisauskunft gegeben werden, weil – ja warum eigentlich nicht?! Und warum kann ein Ticket, also die gleiche Leistung, nicht einfach immer das gleiche kosten? Da ich mich nicht an die minutengenauen Abfahrtzeiten gewöhnen kann, tendiere ich dazu, gestresst im Bahnhof rumzugejoggen. Umsteigen ist auch eine Herausforderung für sich, es ist so bequem, einfach die ganze Fahrt über sitzen bleiben zu können. Aber ich will mich auch nicht nur beschweren. In den dreieinhalb Wochen bin ich mehrmals mit meinem Cello Zug gefahren und habe viel Hilfsbereitschaft und Offenheit von meinen Mitfahrern erlebt. Zu meiner Freude wurde sehr häufig darauf angesprochen. Diese Offenheit der Leute und das Interesse daran, sich mit jemanden einfach zu unterhalten, habe ich als sehr schön empfunden.

Ich mag die sauberen, sortierten (Alt-)Städte Deutschlands und gleichzeitig vermisse ich manchmal schon ein bisschen das bunte Chaos aus Bolivien. Auch finde ich es schade, dass die meisten Straßen gepflastert oder zubetoniert sind. Es würde mit dem vielen Regen hier wahrscheinlich tatsächlich nicht gut funktionieren, aber es fehlt mir einfach so ein bisschen der Kontakt zur Erde.

Überhaupt ist mir bewusst geworden, wie sehr Kultur und z.B. auch Mode von dem jeweiligen Klima abhängt. In Sucre, wo das Klima das ganze Jahr über ähnlich ist, kann man auch das ganze Jahre über das gleiche anziehen. In Deutschland muss man seinen Kleiderschrank im Winter mit den Winterklamotten bestücken und immer darauf gefasst sein, dass es anfangen könnte zu regnen. In Sucre kann man sich zu 90% darauf verlassen, dass es im Herbst, Winter und Frühling kaum regnet und damit ganz anders planen. In Deutschland müssen wir doch immer noch einen Plan B haben, damit das Programm nicht wegen einem Wolkenbruch ausfallen muss. Wenn wir Pech haben, regnet es mal drei Tage oder mehr am Stück, was schon auf das Gemüt und die Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, schlagen kann. In Sucre geht ein Regen dahingegen immer schnell vorbei und dann erstrahlt auch schon wieder der immer blaue, wolkenfreie Himmel auf’s neue.

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Das große Problem an diesem Dauerschönwetter ist jedoch, dass das Klima recht trocken ist, was sowohl zu Wasserknappheit führt, als auch der Grund dafür ist, dass mir das Grün fehlt.

In Bolivien hatte ich ja immer das Gefühl, dass Deutschland durchschnittlich zwar schon recht hellhäutig ist, aber doch viel bunt gemischt als ich Bolivien empfunden habe. Ich habe den Eindruck, dass es dadurch auch einfacher ist, egal mit welcher Haut- und Haarfarbe seinen Platz zu finden, weil man nicht direkt als Ausländer abgestempelt wird, da es inzwischen einfach viele gibt, die nicht blond und blauäugig, aber in Deutschland aufgewachsen sind. Gleichzeitig war ich mir nicht sicher, ob ich mir das vielleicht doch nur eingebildet hatte. Doch nun kann ich berichten: Ich empfinde es immer noch so. In den Straßen gibt es einfach alles und obwohl ein buntes indisches oder afrikanisches Kleid doch auffällt gibt es auch bei der Mode viele unterschiedliche und dennoch akzeptierte Stile, die oft mehr über die Persönlichkeit, als über die Herkunft aussagen.

Ich war überrascht darüber, wie viele Fremdsprachen ich so in den Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln hören konnte! Als ich in der Sportarena ausschließlich von Französisch und arabischen Sprachen umgeben war, habe ich mich schon gefragt, wie sich dieses multikulturelle Leben einmal auf unser zukünftiges Zusammenleben auswirken wird. Ich finde es ja durchaus spannend und mache absolut mit und dennoch werden wir uns darauf einstellen müssen. Wie gehen wir damit um, dass vielleicht eines Tages ein Großteil der Menschen nicht mehr der Landessprache mächtig sein wird? Werden wir uns letztendlich doch weltweit auf eine Sprache (Englisch?) einigen? Was wird mit den anderen Sprachen passieren? Werden sie weiterhin in den Familien und entsprechenden Freundeskreisen gesprochen werden? Für mich habe ich jedoch noch einmal festgestellt, wie wichtig eine gute Integration der Menschen, die in einem anderen Land leben, als in dem sie aufgewachsen sind, ist. Dabei geht es mir gar nicht in erster Linie um die Frage, wer jetzt die Kultur der anderen übernehmen muss, sondern darum, dass sich Freundeskreise bilden, bei denen sich Einheimische und Eingewanderte mischen. Wie viel hat sich für mich nicht geändert, als ich in Bolivien endlich einen bolivianischen Freundeskreis hatte? Man erfährt einfach viel mehr von den Angeboten vor Ort, hat die Möglichkeit die Landessprache zu lernen und sich auszutauschen.

Ich fand es angenehm, mir in Deutschland nicht so viel Gedanken darum machen zu müssen, dass mir etwas geklaut werden könnte. Auch dass die Polizei normalerweise tatsächlich hilfsbereit ist, ist ein Unterschied zu meinen Erfahrungen in Bolivien.

Gleichzeitig finde ich es ein bisschen anstrengend, dass alles so gut geregelt ist. Für was man nicht alles Strafe zahlen könnte, wenn man erwischt werden würde! Immer automatisch den Anschnallgurt zu benutzen habe ich einfach verlernt. Oft fällt es mir erst ein, wenn irgendwas anfängt zu piepen, um mich darauf hinzuweisen. Außerdem habe ich mich noch nicht so richtig wieder daran gewöhnt, Öffnungszeiten ernst zu nehmen.

Vielen von uns Freiwilligen waren recht schockiert gewesen von der hohen Plastikmüllproduktion, die wir in Bolivien erlebt haben, insbesondere durch die ganzen Plastiktüten. Hier in Deutschland werden zwar wirklich kaum noch Einkaufstüten verwendet und teilweise muss man sogar dafür zahlen und dennoch ist unglaublich viel – insbesondere in der Kosmetikabteilung – schon von der Fabrik aus in Plastik verpackt. Ich finde trotzdem, sich in Deutschland wirklich Mühe gegeben wird, aber es gibt auch noch Verbesserungspotential.

Ich mag diese Kultur des Spazierengehens. Auf dem Weg zum Jesuitenschlößchen den Schönberg hinauf, sind wir so vielen Menschen begegnet, die ganz wunderbar ausgeglichen, glücklich und offen wirkten und oft in intensive Gespräche vertieft waren. Das habe ich in Bolivien nie so gesehen.

Als ich vom Schönberg auf Freiburg heruntergeschaut habe, konnte ich wirklich gut verstehen, warum das Grün mir so gefehlt hatte. Mit den noch frischen Bildern vom immer rot-braunen Sucre im Kopf kam mir Freiburg beinahe wie ein Dschungel mit Häusern dazwischen vor.

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Aus all diesen Erfahrungen nehme ich auf jeden Fall mit: um etwas neues erleben zu können, muss man loslassen und gerade wenn man irgendwo für ein Jahr hingeht, kommt man da früher oder später eh nicht drum herum. Auch wenn es nicht einfach ist, habe ich für mich gemerkt, dass ich mich bisher an alles gewöhnen konnte. Wichtig ist einfach, dass man das genießt, was man gerade hat und dem Rest nicht hinterher trauert, denn man kann einfach nicht alles gleichzeitig haben.

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Abenteuer Salar de Uyuni

Am vorletzten Wochenende sind Vanessa und ich für vier Tage nach Uyuni gefahren, um dort die Salzwüste „Salar de Uyuni“ zu besichtigen. Ich habe nicht viele Reiseziele in Bolivien, aber die Salzwüste stand auf jeden Fall ganz oben auf der Liste. Eigentlich wollten wir nach der Nachtfahrt im Bus erstmal eine Nacht in Uyuni bleiben und uns in Ruhe über Touren informieren, doch bereits auf der Suche nach einem Hostel wurden wir von zahlreichen Tourguides überfallen und haben uns in Zuge dessen von Luiz von „Huracán Expeditions“ spontan zu einer 4-Tages Tour mit zwei Kanadierinnen und zwei Franzosen überreden lassen.

Ich kann jedem Uyuni-Reisenden nur empfehlen, sich mehr Zeit für die Auswahl der Tour-Agency zu nehmen. Wenn sie einen gar nicht in Ruhe lassen, einfach sagen, dass man schon eine Tour gebucht hat. Einen Tag braucht man dafür trotzdem nicht und den will man eigentlich auch nicht in Uyuni verbringen, ein bisschen mehr informieren und ein Blick auf Tripadvisor sollte jedoch schon drin sein. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer.

Vanessa und ich hatten noch kurz Zeit uns in Uyuni umzuschauen, bevor die Tour um 10:30 Uhr losging.

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In Uyuni am Bahnhof – eine Rarität in Bolivien!

Zuerst wurde der Zugfriedhof etwas außerhalb von Uyuni angesteuert. Wie schon mal erwähnt gibt es in Bolivien kaum Eisenbahn und eine der wenigen, die noch in Betrieb ist, ist die auf der Strecke von Uyuni nach Oruro. Früher wurden mit der Eisenbahn Teile für den Autobau nach Uyuni transportiert. Heute ist es lediglich eine touristische Szenerie um Fotos zu machen:

Danach ging es am kleinen Flughafen vorbei Richtung Salzwüste. Dieses große, unendlich weite, über 10.000 Jahre alte und 12.000 km² große, endlose Weiß war wirklich unglaublich beeindruckend! Mittag gegessen haben wir in einem aus Salz gebauten Saal. Das Essen hat unser Guide Miguel für uns zubereitet. Danach ging es immer weiter über den See. An der angeblich flachsten Stelle haben wir angehalten um Fotos zu machen und hatten viel Spaß dabei, mit der Perspektive zu spielen:

Das Tagesziel war das am Fuße des weit sichtbaren Vulkans liegende Dorf „Coqueza“. Da es eigentlich immer nur geradeaus ging, wurden wir einer nach dem anderen vom Schlaf überfallen. Bis plötzlich, gefolgt von einigem Geholper, der linke Hinterreifen platzte. Ich fühlte mich, da ich links hinten saß, als wäre ich eine Etage tiefer gerutscht.

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Doch, wie alle anderen auch, hatten wir einen Ersatzreifen dabei, denn so etwas kann bei den Belastungen, die eine solche Tour eben bedeutet, wohl durchaus vorkommen. Die Zeit, die Miguel brauchte um den Reifen zu wechseln, haben wir uns noch mal beim Fotos machen amüsiert.

Doch es war recht zugig und dementsprechend kalt, deswegen waren wir dann doch froh, als es weiter ging.

Die Unterkunft war nicht luxuriös, aber das hatten wir auch nicht erwartet. Immerhin konnte ich – sogar warm! – duschen, bevor dann plötzlich sowohl Strom als auch Wasser ausfielen. So haben wir den Abend, ganz im Cajamarca-Style, mit Kerzenlicht verbracht. In der Unterkunft übernachtete außer uns noch ein Pärchen aus Basel (so nah an zuhause!! :)) ) in „Flittermonaten“ welches eine sehr gute Ergänzung zu unserer Gruppe war.

Am nächsten morgen bin ich zwar sogar vor meinem auf sechs Uhr gestellten Wecker aufgewacht, doch die Sonne war bereits aufgegangen.

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Trotzdem war es hat es sich gelohnt, so früh aufzustehen, denn die Welt war so unglaublich ruhig und still. Erst haben Vanessa und ich den Flamingos beim durch’s Salzwasser stolzieren zugeschaut – ja, ganz echt, nicht im Zoo!!! – dann kam eine Horde Lamas durch’s Dorf den Berg runter gerannt. So ein rennendes Lama ist schon ein Erlebnis für sich, ich dachte die ganze Zeit „gleich stolpern sie über ihre eigenen Füße, gleich… gleich… jet… gleich…!“ aber irgendwie kamen sie alle heile unten an.

Das Wasser in der Unterkunft ging immer noch nicht, doch auf Anfrage von einer der Kanadierinnen konnte das Problem recht schnell behoben werden. Ich weiß nicht, warum die da nicht einfach selbst drauf gekommen sind, als wir am Abend vorher im Dunkeln saßen und ein unangenehmer Geruch aus den Toilette kam, doch ich kann nur empfehlen, die Einheimischen einfach immer sofort auf so etwas anzusprechen.

Vormittags sind wir ein Stück den Vulkan hochgelaufen und haben dort eine Höhle mit Skeletten von Menschen, die wohl durch einen Vulkanausbruch verschüttet worden waren, besichtigt. Ganz mein Ding war es nicht, ich denke ja immer, man sollte den Toten ihre Ruhe lassen und so gaaaanz authentisch kam mir die Sache auch nicht vor, aber die Kanadierinnen sind richtig aufgegangen – eine ist passenderweise sogar leidenschaftliche Bestatterin.

Mehr angetan hat es mir die die Aussicht auf den Salzsee. Mit drei anderen bin ich noch ein Stück weiter hochgelaufen, doch wir mussten leider schon früher als geplant wieder umdrehen, weil ein Gewitter aufzog.

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Halb laufend, halb joggend sind wir gerade noch rechtzeitig vor einem dieser südamerikanischen Regen wieder unten in der Unterkunft angekommen.

Ich wäre gerne bis ganz oben auf den Vulkan hochgelaufen, was auch mit einem Guide für 500 Bolivianos pro Gruppe möglich ist, aber leider war ich an dem Tag die einzige, die hoch  laufen wollte.

Nach dem Mittagessen ging es wieder zurück auf den Salzsee, zu der Kakteeninsel mit an die 10m hohen Kakteen und solchen Salzklötzen, aus denen man Wörter stellen konnte:

Übernachtet haben wir in einem „Salzhotel“, in dem einfach alles aus Salz war, sogar die Bettgestelle. Die Matratzen zum Glück jedoch nicht, das wäre wohl doch etwas hart gewesen 😉

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Ich denke, hier nahm die Tour so langsam ihre Wendung: Aus verschiedenen Gründen hatte der Großteil Gruppe das Vertrauen in das Auto (Toyoter 1644HTC) verloren und empfand es als sicherer, im Hotel zu warten, bis Miguel mit einem anderen Auto zurückkam, statt mit ihm zurück nach Uyuni zu fahren, um einen neuen Ersatzreifen zu holen. Obwohl ich mir am wenigsten Sorgen machte, musste ich das Miguel gegenüber ansprechen, weil ich am besten Spanisch sprach. Er konnte die Gruppe allerdings davon überzeugen, doch mit ihm nach Uyuni zu kommen.

Am nächsten Morgen bin ich eine Stunde früher aufgestanden und musste daraufhin sogar noch auf den Sonnenaufgang warten. Wie die Sonne so über den vollkommen geraden und endlosen Horizont kullerte war schon ein beeindruckender Moment. Zum ersten Mal wurde mir so richtig der Zusammenhang zwischen der Sonne, die ihr in Europa seht und der, die da gerade bei mir aufging, bewusst.

Zurück in Uyuni haben wir mit Luiz, dem Manager, über unsere Sorgen bezüglich des Autos gesprochen, doch er meinte, sie hätten sich das Fahrzeug angeschaut und es sei in Ordnung. Leider wurde unser Guide, mit dem ich gerade angefangen hatte, mich ein bisschen anzufreunden, durch Guido ausgetauscht, mit dem ich über ein bisschen Smalltalk nicht hinauskam.

So sind wir doch alle wieder in das Auto gestiegen und los ging’s. Am Rande Uyunis holte Guido gerade noch irgendetwas ab, als plötzlich das geparkte Auto mit uns allen nach hinten rollte. Da ich die von einer Colaflasche versteckten Handbremse nicht so schnell finden konnte, bin ich spontan in den Fahrerfußraum getaucht und habe beherzt die Fußbremse durchgedrückt. Sonst wäre das Auto einfach gegen die nächste Mauer gerollt. Die anderen haben sich wirklich erschrocken, aber Guido hat nur gelacht.

Bei der langen „Geradeausstrecke“ zum Sajama Nationalpark bin ich immer wieder eingenickt, bis von hinten plötzlich ein entsetztes „DON’T HIT THE LLAMA!!!!!“ kam, woraufhin ich erschrocken die Augen aufriss. Guido bretterte mit Vollgas auf ein, mitten auf der Straße stehendes Lama, zu. Ich denke, er ging davon aus, dass es schon zur Seite springen würde, und das tat es letztendlich auch, aber Abbremsen war trotzdem angebracht gewesen.

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Die erste Lagune

Bereits an der ersten Lagune im Sajama Nationalpark war Vanessa bereit, alleine zurück nach Uyuni zu fahren, nur um nicht weiter in diesem klappernden, schlackernden, teilweise piepsenden Auto sitzen zu müssen. Sie hatte das Gefühl, dass es jederzeit auseinander fallen oder gar explodieren würde. Hinten spürte man das wohl stärker, doch da ich zum Übersetzen vorne saß, hatte ich davon nicht so viel mitbekommen. Auch dass Guido bei jedem Stop unterm Auto lag und daran herum schraubte ließ sich sowohl als beruhigend, als auch als beunruhigend einstufen. Letztendlich wollte ich wohl einfach gerne noch den Rest der Tour mitmachen.

Ab diesem Moment habe ich also bei anderen Touren angefragt, ob sie Vanessa mitnehmen würden, doch sie fuhren alle in die falsche Richtung. So sind wir erst mal alle wieder eingestiegen. Als ich Guido auf den Zustand des Autos ansprach, meinte er, mit dem Auto sei alles in Ordnung und außerdem sei er Mechaniker. Etwa eine halbe Stunde später blieb das Auto mitten in der Steinwüste stehen. So viel zum Zustand des Autos. Doch Guido bekam es tatsächlich innerhalb von einer viertel Stunde wieder zum Laufen!

Beim Mittagessen meinten nun auch die beiden Franzosen, dass sie es für vernünftiger empfänden, umzudrehen. Auch die Kanadierinnen stimmten zu. Ich weiß nicht, ob es Leichtsinn war, aber ich hatte wirklich ein ruhiges Gefühl in mir und wollte weiterhin auch noch den Rest sehen. Vielleicht habe ich mich auch einfach immer mehr zu einem ruhigen Gegenpol der immer aufgebrachter werdenden Gruppe entwickelt. Aber fünf gegen eine, was sollte ich da schon sagen…? Es wäre um einiges angenehmer gewesen, wenn ich mich einfach hätte raushalten können, aber wegen meiner Übersetzerrolle war ich gezwungenermaßen involviert. Es macht mir ja eigentlich wirklich Spaß zu übersetzen, aber das war einfach irgendwann nur noch anstrengend. Am liebsten hätte ich mir ein Schild umgehängt mit der Aufschrift: „Ich bin Übersetzerin! Was ich sage ist nicht gezwungenermaßen meine Meinung!!!!“ und zwar auf verschiedenen Sprachen.

Gewissermaßen gegen meinen Willen bat ich Guido also im Namen der Gruppe umzudrehen. Luiz hatte uns eingebläut, dass unser Guide alles tun müsse, was wir sagen. Dementsprechend überrascht waren wir, als Guido sich weigerte umzudrehen. Er gab den schlechten Zustand des Autos jetzt zwar zu, war aber davon überzeugt, seinen Dienst als Fahrer zu Ende bringen zu müssen – und dass wir gut in Uyuni ankommen würden. Die finanziellen Gründe dahinter waren offensichtlich, doch man muss sich mal vor Augen halten, wie unglaublich unverantwortlich das von ihm war! Sechs Leben auf’s Spiel zu setzen, nur um den Verdienst für EINE Tour zu bekommen!

Vielleicht hätte ich überzeugender sein können, wenn ich auch unbedingt zurück gewollt hätte (ich hoffe es doch!), aber mein innerer Konflikt hat die Sache echt nicht einfacher gemacht.

Letztendlich argumentierte Guido, dass ihm bei der Unterkunft seine Kollegen mit dem Auto helfen würden können und da die Gruppe eh keine Wahl hatte, hat sie gezwungenermaßen zugestimmt.

So fuhren wir weiter durch die Steinwüste, bis es plötzlich es einen Knall gab, das Auto zum Stehen kam und wir alle meinten, eine dunkle Wolke hinten aus dem Auto aufsteigen zu sehen. Vanessa schrie geistesanwesend „get out!!“ und sogar ich war für einen Moment überzeugt davon, dass das Auto nun explodieren würde. In Sekundenschnelle sprangen wir alle aus dem Auto. Es ging so weit, dass einer der Franzosen von der letzten Reihe voller Panik über seine kanadische Sitznachbarin sprang, sodass sie mit Abstand als letzte rauskam. So viel zum Thema „Frauen und Kinder zuerst“…!

Der einzige, der dem ganzen Geschehen nur voller Unverständnis zuschaute, war Guido. Ich meine sogar, dass er beruhigend auf uns einredete. Aber Ruhe kehrte bei uns erst ganz langsam wieder ein, als wir, voller Adrenalin, zitternd, im starken Wind der Steinwüste standen, das Auto immer noch nicht explodiert war und mir unter näherer Betrachtung die unter dem Auto klemmende Stoßstange auffiel. Sie war einfach abgefallen!

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Was haben wir uns nicht alle erschrocken!

Während wir uns, noch völlig unter Schock stehend, vor Lachen kaum halten konnten, fuhr Guido ein Stück zurück, holte die Stoßstange unter dem Auto hervor und band sie auf dem Dach fest. Einerseits war ich nun ein bisschen überzeugter davon, umzudrehen, andererseits war nichts WIRKLICH schlimmes passiert. Aber Guido ignorierte unsere Bitten weiterhin. Kurz darauf blieb das Auto abermals plötzlich stehen, wieder bekam Guido den Motor innerhalb von 15 Minuten wieder zum Laufen. Leider war die Tour nun wirklich einfach nur noch stressig. Neben mir erzählte mir Guido, während er einen Hügel runtersauste und den nächsten dann kaum wieder hochkam, dass er keine Angst habe und lachte über die besorgten Gesichter der anderen. Hinter mir schmiedeten die anderen Pläne, wie wir aus der Situation rauskommen könnten.

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Obwohl wir nun alle doch ziemlich unter Stress standen, ging die Tour weiter und damit der Input an beeindruckender Landschaft.

Beim „Steinbaum“ standen gerade noch drei andere Autos. Wir hatten das Gefühl, dass Guido die letzten Meter extra langsam fuhr, damit wir nicht mit den anderen, die gerade am Einsteigen waren, Kontakt aufnehmen konnten. Aber ich bin einfach aus dem gerade zum Stehen kommenden Auto gesprungen und zu den anderen gerannt. Zum ersten Mal erzählten wir unsere irre Geschichte und einigten uns darauf, dass Vanessa bei ihnen mitfahren würde und die Gruppe uns in die Mitte nehmen würde. Das sah letztendlich so aus, dass Guido eine andere Route nahm und wir sie nur noch aus der Ferne sehen konnten. Vanessa berichtete später jedoch, dass sie wirklich auf uns achteten.

Die anderen Guides hatten uns von einer direkten Straße von der nächsten Lagune aus nach Uyuni erzählt und die anderen gingen davon aus, dass wir sie nehmen würden. Doch als wir an der „Roten Lagune“ ankamen, war Guido weiterhin davon überzeugt, uns zur 7km entfernten Unterkunft zu fahren.

Eine weitere Hoffnung hatte auf dem dort amtierenden Parkranger gelegen, doch mit ihm, Guido, der Gruppen und mir als Übersetzerin entbrannte nur eine aussichtslose Diskussion. Der Ranger stellte uns 500m hinter der Grenze ein Hotel in Aussicht, in dem wir bleiben könnten und in dem es ein Telefon geben sollte, erzählte uns aber erst um 18 Uhr, nachdem wir über eine Stunde diskutiert hatten, dass man das Telefon nur bis um 17h benutzen kann. Das war unsere einzige Hoffnung gewesen, um Luiz zu kontaktieren, denn es gab im ganzen Nationalpark keinen einzigen Balken Handynetz. Trotzdem wollte die Gruppe nicht weiter als dieses Hotel und eine der Kanadierinnen stand schon auf dem Dach des Autos um unsere Rucksäcke runterzuholen, als Guido die Meuterei bemerkte, völlig austickte und drohte uns einfach in der Wüste zurückzulassen, die Tour alleine zu Ende zu fahren: „…und wer nimmt euch dann mit?! Niemand!!“

Ein älterer Guide gab ihm den weisen Tip, dass es sich besser mit den Gringos aushalten lässt, wenn man nett zu ihnen ist. Ich lächelte ihn dankbar an.

Wir einigten uns darauf, dass er uns die 500m fahren und wir in dem Hotel bleiben würden. Also bezahlten wir alle gezwungenermaßen die Parkgebühr, obwohl wir gar nicht in den Park wollten, stiegen ins Auto und losging’s. Doch Guido machte keinerlei Anstalten abzubremsen. Er fuhr einfach an der Häusergruppe mit dem Hotel vorbei. Das ging mir nun auch zu weit. Kompromisse finden und sich dann nicht an die Abmachung halten ist einfach unter aller Sau. Also habe ich kurzentschlossen die Handbremse, nach der ich ihn inzwischen gefragt hatte, gezogen, mit dem Ergebnis, dass nichts passierte. Es passierte rein gar nichts!!! Wir waren diesem Verrückten wirklich ausgeliefert. Spätestens jetzt fiel zum ersten Mal das Wort „Kidnapping“. Wir wussten zwar, dass wir am Ende wieder „freigelassen“ werden würden und trotzdem waren auf jeden Fall die anderen fünf nicht mehr aus freiem Willen hier. Eine der Kanadierinnen machte Anstalten aus dem fahrenden Auto zu springen, doch die anderen hielten sie davon ab.

In der Unterkunft angekommen haben wir alle unsere Sachen aus dem Auto geräumt, mit der Absicht, nicht wieder einzusteigen. Wir haben bei anderen Touren angefragt, ob sie noch Platz für uns haben und hatten tatsächlich auf Anhieb sechs Plätze. Das einzige Problem war nur, dass einer der Guides uns nicht ohne das Einverständnis unseres Guides mitnehmen wollte, weil er Probleme zwischen den Agencies befürchtete. Eigentlich wollte uns ein anderer Guide trotzdem mitnehmen, aber am nächsten Morgen meinte er erst „bei den Thermalquellen“. Dort war er dann jedoch nicht und als wir ihn später getroffen haben, hat er es wieder nach hinten verschoben und dann haben wir ihn nicht mehr eingeholt. Tja, nicht nur unser Guide hält sich nicht an Abmachungen.

So kam es, dass wir letztendlich morgens um 4:30h völlig übermüdet doch wieder alle sechs in der Klapperkiste saßen. Die anderen Guides hatten versprochen, ein Auge auf uns zu haben, aber unser Auto war einfach so viel langsamer, dass sie uns am Ende doch alle überholten.

Der erste Stop kurz nach Sonnenaufgang waren die Geysire. Das war wirklich beeindruckend, so etwas hatte ich vorher noch nicht erlebt.

Dort haben wir viele von denen getroffen, die wir am Abend vorher durch unsere Platzsuche kennengelernt hatten. Wirklich, ich habe selten in so kurzer Zeit mit so vielen Leuten gesprochen und sie waren alle sehr verständnisvoll und hilfsbereit! Wenn bloß die Guides nicht gewesen wären… Gut, dann hätten wir das Problem gar nicht gehabt.

Als nächstes haben wir bei den „Aguas Calientes“ halt gemacht – den Thermalwassern. Für einen Moment hatte ich echt das Gefühl, dass mir in Bolivien noch nie so warm gewesen war, bis mir die warme Dusche in Cajamarca wieder einfiel.

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Auguas Calientes

Wieder meinte die Gruppe, dass es auch in Ordnung wäre, wenn wir jetzt umdrehen würden, aber Guido bestand darauf, mit uns noch bis ans letzte Ende der Tour zu fahren.

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Beeindruckende Farbgebungen! Wie im Bilderbuch.

Wir waren noch etwa 10 Minuten von der letzten Station, der grünen Lagune, entfernt, als von hinten hysterische „Stop-Rufe“ kamen. Auf meine Übersetzung hin hielt Guido tatsächlich an. Der rechte Arm von einem der Franzosen war eingeschlafen und er war überzeugt davon, nun einen Herzinfarkt zu bekommen. Ich dachte, ich spinn! Das konnte doch nicht wahr sein! In der Tour war einfach der Wurm drin. Der von Luiz, dem Manager, zugesagte Sauerstoff war natürlich nicht im Auto. Nun mit einem triftigen Grund, Verdacht auf Herzinfarkt, bat die Gruppe Guido abermals darum, sofort umzudrehen und ins nächste Krankenhaus zu fahren. Doch er hatte wirklich den Nerv, weiter zu fahren. Der Typ war einfach unglaublich! Die anderen versuchten sogar, einen Notruf abzusetzen (hätte nicht gedacht, dass ich diese Funktion meines Handys mal ausprobieren würde), aber nicht mal dafür reichte das Netz.

Dann kündigte Guido mit seiner gelangweiltesten Langweilerstimme die grüne Lagune an.

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Eigentlich wunderschön – wäre ich nicht leicht abgelenkt gewesen.

Leider war das nun wirklich nicht mehr der passende Moment für ein entspanntes Bewundern der Natur. Der Franzose mit dem Verdacht auf Herzinfarkt erkundigte sich bei anderen Touren nach Sauerstoff, sie gaben ihm Coca. Plötzlich legte sein Kumpel, der andere Franzose, seinen Arm um mich. Erstmal war ich einfach nur überrascht und ließ mich nicht weiter darauf ein, bis ich merkte, dass er weinte. Daraufhin nahm ich ihn in den Arm und erklärte ihm beruhigend, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit kein Herzinfarkt sei und nur an der Höhe liege. Das hatten wir dem anderen Franzosen auch schon versucht zu erklären, aber er war echt von der Herzinfarktgeschichte überzeugt.

Dann fing die eine Kanadierin auch noch damit an, dass sie am Dehydrieren sei und unbedingt Sauerstoff brauchte. Damit war für die Gruppe das Krankenhaus als nächstes Ziel eindeutig. Für Guido wohl nicht, bzw. er hatte, genau wie Vanessa und ich wahrscheinlich einfach nur Hunger, als er nach ein paar Stunden im „Steintal“, der letzten Attraktion, anhielt. Nun drehten unsere beiden Krankenhauskandidaten aber völlig durch. Der Franzose sprang mal wieder aus dem Auto, bevor es überhaupt stand, und rannte hysterisch auf eine andere Gruppe zu. Er erklärte die Situation mit einem Schwerpunkt auf „Kidnapping“ und „Herzinfarkt“. Zwei Frauen erklärten, dass die beiden Männer aus der Gruppe Ärzte seien. Da sie sich vorher auf Spanisch so verdächtig abgesprochen haben, bezweifle ich das. Aber dem Franzosen hat’s geholfen, sie erklärten ihm, dass besonders ein linker eingeschlafener Arm besorgniserregend sei und dass seine Symptome eindeutig auf Höhenkrankheit hindeuteten (oder zu wenig Platz im Auto…). Sie gaben ihm noch irgendeine Pille und damit war’s dann zum Glück gut. Aber mit Mittagessen wurde es trotzdem leider nichts, wir hatten ja noch unsere andere Patientin. Und was zählt schon ein leerer Magen, wenn es um ein Menschenleben geht…?

Guido musste inzwischen doch auch recht fertig mit den Nerven gewesen sein, denn er widersprach tatsächlich nicht im größeren Maße, als ich übersetzte, dass wir sofort ins nächste Krankenhaus fahren müssten. Während der Fahrt drückte er bei besonders starkem Gegenwind immer wieder mit einer „Superman-Bewegung“ mit der Faust gegen die Innenseite der Windschutzscheibe. Vanessa und ich sahen uns schon die Splitter entgegen fliegen. Im etwa eine Stunde Fahrt entfernten San Christobal musste er erstmal nach dem Krankenhaus suchen. Dem Franzosen ging’s zu diesem Zeitpunkt wieder gut (was wir nicht für einen Stress gehabt hatten…), aber die Kanadierin wurde tatsächlich an Sauerstoff angeschlossen. So bekam ich als Übersetzerin bereits zum zweiten Mal innerhalb einer Woche ein bolivianisches Krankenhaus von innen zu sehen.

Während wir warteten, ging Guido tanken. Als er nach einer Weile laut der anderen immer noch nicht wieder aufgetaucht war, stieß ich bei der Vorstellung, dass er mit all unseren Sachen einfach davon gefahren sein könnte, tatsächlich für einen Moment an die Grenzen meiner Ruhe. Aber die anderen hatten einfach nicht nach dem Auto geschaut, denn es stand nur wie vorher um die nächste Ecke.

Guido bereitete auf meine Anfrage hin nun endlich das Mittagessen vor, welches wir auf einer Stufe vor dem Krankenhaus sitzend zu uns nahmen. Mit dem Ende in Sicht wurde er immer gesprächiger, man könnte sogar fast das Wort „sympathisch“ in den Mund nehmen – aber nein, ich will auch nicht zu weit gehen. Als alle wieder genug Zucker und Sauerstoff im Blut hatten, haben wir die letzte Stunde Autofahrt bis Uyuni auf uns genommen.

Guido blubberte vor sich hin, wie müde er doch sei, dass er sich sofort hinlegen würde und das alles nur wegen uns. Nur wegen uns hätte er dauernd unterm Auto liegen müssen. Als Uyuni in Sicht kam konnte er es nicht lassen, uns noch mal auf die Nase zu binden, dass er von Anfang an gesagt hatte, dass wir heil in Uyuni ankommen würden. Und dass wir ihn nie vergessen würden, nicht mal nach seinem Tod. Was für ein gruseliger Typ! Aber, was soll ich sagen? Wo er Recht hat, hat er Recht.

Das Büro der Agency hatte natürlich schon zu, als wir um 18:30h endlich davor standen. Wir konnten uns also nicht mal angemessen beschweren. Die anderen haben ihren Bus gebucht, wir haben noch zusammen was gegessen und dann sind wir, mit Einladungen nach Kanada, Frankreich, Deutschland und wo auch immer es mich hin verschlagen wird, auseinandergegangen. So stressig es auch war, oder vielleicht auch gerade deswegen, sind wir als Gruppe überraschend gut zusammengewachsen. Wir waren wirklich alle sehr unterschiedlich und trotzdem haben wir zusammengehalten, als es darauf ankam.

Bei mir blieb erstmal nur eine Trauer darüber zurück, dass die ganze Sache so schief gelaufen war. Jeder aus unsere Gruppe hatte seinen Anteil daran gehabt und meiner war auf jeden Fall, dass ich nicht auf mein schlechtes Gefühl gehört habe, als wir für die Tour zugesagt haben. Außerdem: warum hatte ich meine Ruhe nicht auf die anderen übertragen können? Hätte ich sie überzeugender beruhigen sollen? Ich habe durchaus daran gedacht, aber ich hatte einfach das Gefühl, diese Verantwortung nicht übernehmen zu können. Wenn ich für mich entscheide, dass wir heil kommen und dass ich das Risiko eingehen kann, ist das eine Sache, aber wenn ich das anderen einrede und dann doch was schief gegangen wäre, ist das noch mal etwas ganz anderes. Diese Verantwortung konnte ich einfach nicht tragen. Trotzdem waren am Ende alle einfach nur noch völlig fertig mit den Nerven und dementsprechend hysterisch.

Die darauf folgende Woche habe ich unglaublich viel geschlafen. Immerhin kann ich mich meistens gut amüsieren, wenn ich die Geschichte erzähle. Beim Schreiben mancher Stellen dieses Eintrags musste ich einfach nur lachen. Als ich mit Vanessa noch mal die lustigsten Stellen durchging, wären wir vor lachen beinahe von unseren Stühlen gefallen. Das macht die Strapazen schon beinahe wieder wett. Im Nachhinein ist es einfach nur komisch. Komisch und schade. Aber was soll’s! So ist es eben. Wenigstens haben wir was zu erzählen. Auch wenn ich festgestellt habe, dass auch eine stinknormale, harmonische Tour, ganz frei von Abenteuer, was gehabt hätte. Abenteuerlust hin oder her. Abenteuer können ganz schön stressig sein. Besonders am Ende hätte ich wirklich gerne mehr Zeit für die Sehenswürdigkeiten gehabt und auch gerne mal eine Minute lang nicht über unsere Situation gesprochen oder auch nur darüber nachgedacht. Aber ich denke, wir haben alle sehr viel über uns selbst und wie wir auf Situationen wie diese reagieren gelernt – jeder auf seine Weise. Außerdem fand ich es wirklich spannend zu sehen, wie diese Gruppe aus Unbekannten, die erst mal nicht viel miteinander anzufangen wussten, in so kurzer Zeit so gut zusammen wachsen konnte.

Und, wie der Hundertjährige immer so schön sagt: „Es ist wie es ist und es kommt wie es kommt!“ Und in diesem Sinne habe ich unsere Erlebnisse inzwischen angenommen, wie sie waren und kann durchaus die bereichernden Seiten der Tour sehen.

Ausflüge in die Umgebung: unendliche Weite und der Klang der Stille

Am Samstag hat Arturo eine Wanderung auf einem Inka-Pfad für uns organisiert. Um acht Uhr morgens ging es mit einem Micro von einem befreundeten Busfahrer inklusive dessen Familie los, zufälligerweise Richtung Cajamarca, aber gesehen haben wir das Zentrum leider noch nicht. Die Straßen hier, ach, Erdpisten, überraschen mich immer wieder! Meistens gibt es zusätzlich eine nicht zu unterschätzende Steigung, die nur dank des starken Motors und der geringen Geschwindigkeit zu bewältigen ist. Deswegen ist es wohl auch vertretbar, dass wir doch relativ lose im Bus verteilt waren:

Nach etwa einer Stunde Geholpel und Geschaukel durch die Anden sind wir bei einem Aussichtspunkt ausgestiegen und Arturo hat uns etwas über die Geschichte Boliviens erzählt, vor allem über dessen Befreiung von den Spaniern. So erfuhren wir u.a., dass Bolivien aufgrund seiner reichen Bodenschätze viel länger für seine Befreiung kämpfen musste, als beispielsweise Peru.

Danach ging es weiter zum Ausgangspunkt unserer Wanderung, einer Art Tempel zu dem manche Bolivianer regelmäßig pilgern, um eine Göttin um Geld, Liebe, ein Auto oder ähnliches zu bitten.

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Über einen schmalen Pfad sind wir ganz „noch-nicht-vollkommen-Aklimatiesierten-freundlich“ einen Berg hinabgestiegen und kamen aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Diese Weite, diese riesigen Berge, diese beeindruckenden Farbformationen an den Hängen der Bergen und gleichzeitig diese Trocken- und Kargheit…

Drei andere und ich haben tatsächlich mal die Cocablätter ausprobiert, konnten von den so hoch angepriesenen Wirkungen jedoch nicht so viel spüren. Ich hatte sogar das Gefühl, wie beim Kaugummikauen, eher mehr Hunger zu bekommen, dabei sollen sie das Hungergefühl ja leicht betäuben. Das einzige, was bei mir definitiv betäubt wird ist nach einigen Minuten die Backe, in die ich die Cocablätter gestopft habe. Den Geschmack finde ich jedoch recht angenehm, er erinnert mich an den von Matchatee.

Nach etwa 5km sind wir auf eine Erdpiste gestoßen an welcher der Bus auf uns wartete.

Bei der Rückfahrt mussten wir kurz vor dem höchsten Punkt tatsächlich alle aussteigen und ein Stück laufen, weil der Bus überhitzt war. Ansonsten verlief die Fahrt ohne Probleme und voller neuer Eindrücke kamen wir nachmittags wieder im Hostel an.

Für Sonntag hatte uns ein Bolivianer, Pio, den ein paar andere einige Tage zuvor im Hostel kennengelernt hatten, einen Ausflug nach Tarabuco angeboten, wo es sonntags einen großen Markt gibt und wo sich auch das, bereits erwähnte, Partnerprojekt von Cajamarca befindet. Der indigen aussehende und sich selbst als Inka bezeichnende Pio hat 10 Jahre in Deutschland gelebt und spricht dementsprechend fließend deutsch (so viel zum Thema „Spanisch lernen“…).

Ich bin sehr spontan mitgekommen und kann gar nicht glauben, was ich alles verpasst hätte, wenn ich mich wieder ins Bett gelegt hätte, weil ich in der Nacht zuvor nicht gut geschlafen hatte. Wir sind nämlich nicht nur zum Markt in Tarabuco gefahren, sondern haben uns vor allem auch die Umgebung angeschaut. Immer wieder haben wir angehalten, sind ausgestiegen und Pio hat uns etwas über die Gegend erzählt. Da das Auto mit neun Personen gut beladen war, konnten wir wieder nicht wirklich schnell fahren.

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Eine Freiwillige meinte diesbezüglich, dass das ja auch ganz gut sei, weil wir ohne Gurte fuhren – es gab einfach keine. Pios Antwort: „Ohne Gurte? Ohne Führerschein!“ Wie ernst gemeint das war, weiß ich nicht, wir sind jedenfalls heil ans Ziel gekommen.

Die Freude war groß, als wir an ein paar Lamas vorbeifuhren (das sie eingesperrt waren, haben wir ignoriert):

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Als nächstes haben wir in einem kleinen Dorf gehalten.

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Eine Freiwillige wurde von einer Frau angesprochen, die Empanadas verkaufte, also landestypische Teigtaschen gefüllt mit Käse. Pios Definition: „Empa con nada – Empa mit Nichts“. Erst erklärte die Freiwillige, dass sie keinen Hunger habe, woraufhin die Frau fragte „warum nicht?“ und ob sie nicht trotzdem etwas kaufen wolle. Solche Situationen, in denen es schwer ist, „nein“ zu sagen, begegnen uns immer wieder und in Anbetracht des unglaublich niedrigen Preises nahm die Freiwillige dann doch vier Stück. Ein Glück, denn sie stellten sie sich als unglaublich lecker heraus. Sie waren nicht nur mit Käse, sondern auch mit Zwiebeln gefüllt und das in einer angemessenen Menge (also nichts da mit „nada“).

Dann fragte Pio uns, ob wir gerne seinen Großvater kennenlernen wollten. Etwas verwundert stimmten wir zu, denn es schien uns ungewöhnlich, dass der Großvater eines Mannes im Alter von Pio noch lebte. Als wir fragten, wie alt sein Opa den sei, meinte er „tausend!“ Ich stellte mir schon einen uralten Indianer mit einem dünnen Stimmchen und ledriger Haut in einer Lehmhütte vor, der Opa stellte sich dann jedoch als folgendes Gebilde heraus:

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Kurz darauf fuhren wir durch das Eingangstor von Tarabuco und machten bei den dahinterstehenden, hollywoodartigen Buchstaben Halt:

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Der Markt in Tarabuco verlief verwinkelt durch einen Großteil der Stadt und es gab wirklich alles, von touristischen Waren über Gemüse bis zu Coca. Ich habe mich allerdings nicht so richtig getraut zu fotografieren, deswegen nur dieses eine Bild, welches jedoch wirklich nur eine Seite, die touristische Seite des Marktes, zeigt:

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Mittag gegessen haben wir in dem Hostel, in dem die beiden Freiwilligen, die nach Tarabuco gehen, schlafen werden.

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Gruppenbild im Innenhof des Hostels

Danach hat Pio uns in sein Haus auf Cocatee und Kaffee eingeladen und uns in Zuge dessen eine Führung durch das Haus gegeben. Er hat es selber gebaut, bzw. ist noch dabei es zu bauen (er ist Schreiner). Sein Ziel ist es, in dem Haus ein Inkaforschungszentrum zu eröffnen.

Pio hatte uns schon angekündigt, dass er mit uns auf den höchsten Berg (ca. 3400m) in der Gegend fahren würden. Nach der Kaffeepause sind wir also wieder ins Auto gestiegen und über eine Schotterpiste ein gutes Stück bergauf gefahren. Immer wieder haben wir Händler in traditioneller Kleidung mit Eseln überholt, die tatsächlich am Sonntag noch mehr oder weniger fünf Stunden nach Tarabuco laufen um dort ihre Waren zu verkaufen bzw. zu tauschen.

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Dann hat uns Pio zum Fotos machen aussteigen lassen und das Auto geparkt.

Die letzten ungefähr 500 Meter zum Gipfel mussten wir laufen. Es ging ziemlich steil querfeldein den Hang bergauf und meistens gab es keinen Weg. Wenn überhaupt gab es einen kaum als solchen zu bezeichnenden Trampelpfad. Ich war wirklich dankbar für das Training vom Jakobsweg, sonst hätte mir die dünne Luft wohl mehr zu schaffen gemacht!

Dann dort oben zu stehen war ein unglaubliches Erlebnis! Noch nie habe ich den Klang der Stille so klar wahrgenommen wie dort oben. Um uns herum war eine unendliche Weite aus Stille und Bergen, die wir aus Deutschland gar nicht so kennen, weil einfach überall Menschen sind.

Wie auch sonst war die Landschaft eher karg, aber es gab ein paar grüne Flecken, an denen Menschen angefangen hatten, aufzuforsten. Als ich da oben saß habe ich mich einerseits gefragt, wie Bolivien wohl in 50 oder 100 Jahren aussehen wird, wenn, mal angenommen, die Aufforstung ist gut vorangekommen, das Land nicht mehr braun sondern grün und saftig ist. Andererseits habe ich darüber nachgedacht, ob das Aufforsten nicht doch ein Eingriff in die Natur und das Ökosystems Boliviens ist, der zu weit geht. Denn Bolivien ist nicht karg, weil hier viel abgeholzt wurde, sondern, und das habe ich jetzt schon von mehreren Seiten gehört, es gab hier einfach auch früher keine Bäume.

Als ich Pio darauf ansprach meinte er, dass ein Indianer zwar keine Bäume pflanzen würde, sich jedoch wohl jeder Mensch darüber freut, einen Baum zu sehen. Im Grunde wirkt sich die Aufforstung in Bolivien bisher ja nur positiv aus, es gibt mehr Trinkwasser und eine größere Artenvielfalt, aber dennoch kamen mir Diskussionen aus dem Biologieunterricht in den Sinn, in denen wir darüber geredet haben, wie leicht ein Ökosystem aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann. Man denke nur an die Hasen in Australien! Da hat sich wahrscheinlich auch niemand was bei gedacht!

Dennoch meinte auch Pio, dass nicht immer alles so bleiben kann wie es ist. Nichts ist mehr, wie es mal war! Und manchmal ist Austausch die einzige Rettung. So kamen wir noch einmal auf die Kartoffel zu sprechen. Denn als die europäischen Entdecker nach Südamerika kamen, herrschte dort eigentlich gerade eine Hochkultur, während Europa unter Hungersnöten litt. Hätten die Entdecker nicht den Mais und die Kartoffel mit nach Europa gebracht und damit den Hunger stillen können, wäre Europa niemals so stark geworden. Es waren nicht in erster Linie die Bodenschätze, die sie reich gemacht haben, es waren die neuen Nahrungsmittel, die sie überhaupt am Leben gehalten haben.

Leider mussten wir schon viel zu bald wieder runter laufen, weil die Sonne unterging. Und damit ging nicht nur das Licht, sondern auch die Heizung aus.

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Relativ verfroren kamen wir wieder unten im Auto an und haben uns auf den Rückweg gemacht. Mit der Dunkelheit kamen auch die Sterne hervor. Es waren Massen von Sternen! Besonders beeindruckend war die Milchstraße, die wir in ungewohnter Klarheit sehen konnten.

Musikalisch wie wir sind haben wir angefangen zu singen, erst deutsche Volkslieder, um diese mal am Leben zu halten, und als uns keine mehr einfielen, haben wir, passend zur Jahreszeit, diesen wunderschönen Tag mit Weihnachtsliedern ausklingen lassen.

20. Geburtstag auf Bolivianisch

Es fing beim Zähneputzen an: plötzlich kam eine Gruppe meiner Mitfreiwilligen um die Ecke und umarmte mich, einer nach dem anderen, während ich nicht wusste, wohin mit meiner Zahnbürste. Dann haben sie ein erstes “Cumpleaños feliz” gesungen und bald darauf bin ich, trotz Geburtstag, erstmal schlafen gegangen. Als ich am nächsten Morgen nach der Kommunikation mit Zuhause im Garten saß und tatsächlich ein bisschen am Spanisch lernen war, kam Lotte um die Ecke und hat mir ihr Geschenk überreicht. Sie hat mir ein Bild gemalt, mit dem sie verschiedene Seiten und Stärken von mir darstellen wollte. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, dass sie mich wohl als Geigenspielerin sehen kann, während mir das noch ein bisschen fremd vorkommt. Uns ist aufgefallen, dass wir voneinander ganz andere Seiten, geradezu andere Personen kennen, als die Leute, mit denen wir aufgewachsen sind. Dies zeigt auch, dass alles möglich ist, man kann durchaus neue Seiten von sich leben und von den Leuten, die einen neu kennenlernen werden sie angenommen, als wären sie schon immer da gewesen.

Außerdem hat sie mir drei Tafeln feine, bolivianische Schokolade und eine liebe Geburtstagskarte geschenkt, mit der Definition von Freiheit, die ich mir noch nie wirklich bewusst gemacht habe: „Freiheit ist die Möglichkeit ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können.“ Sie hat definitiv die freiheitsliebende Seite von mir kennengelernt!

Dann kam plötzlich Jelka, die Enkeltochter von Annelie, der Gründerin des CEJ, die gerade ein Jahr hier in Sucre verbracht hat, mit ihrem Gastbruder und einer Vanillesahnetorte in den Garten. Ich wusste, dass sie kommen würde, aber von der Torte wusste ich nichts und um so überraschter war ich, als ich hörte, dass meine Mutter Jelka beauftragt hatte, sie mir zu mitzubringen. An dieser Stelle: GANZ LIEBEN DANK, MAM! Die Überraschung war so was von gelungen!!

Jelka erklärte mir, dass ich nach bolivianischer Tradition in die Torte beißen müsse. Darüber, wie es mir dabei erging, könnt ihr beim Anschauen des folgenden Videos lachen:

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Salome und ich

Jelka hat mir noch eine Tüte Cocablätter geschenkt und mir erklärt, wie man sie zu sich nimmt. Noch habe ich mich nicht daran gewagt, aber ich werde berichten, sobald ich sie probiert habe. Außerdem hat sie mir ein paar Dinge hinterlassen, die sie nicht mehr braucht, u.a. 24 deutsche Weihnachtsrezepte in Form eines Adventskalenders (ich hoffe, Lotte hat Hunger!) und ein Abenteuerhandbuch.

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Nach dem Mittagessen sind wir am Mirador vorbei auf einen Berg hinter dem Hostel gelaufen.

Bei den ganzen Stufen haben wir die dünne Luft schon ein bisschen gemerkt. Sonst fällt es mir gar nicht so sehr auf wie erwartet, viel unangenehmer finde ich die ganzen Autoabgase in der Luft. Das wird in Cajamarca zum Glück kein Problem mehr sein!

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Gipfelstürmer! Geschafft!!

Auf dem Berg gab es viele Straßenhunde, die hier gerade auch noch verehrt und geschmückt werden, weil am 16. August der Tag des San Roque war, welcher der Beschützer der Hunde ist. Mit angeklebtem Schmuck geht die Verehrung für unseren Geschmack jedoch manchmal ein bisschen zu weit.

Auf dem Rückweg fand ich es mit meinen Barfußschuhen angenehmer auf einem glatten Bordstein am Rand, als auf dem unregelmäßigen Kopfsteinpflaster der Straße zu laufen. Einige Straßenhunde, die mit uns nach unten liefen, wohl auch:

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Die Hundefängerin von Sucre – ich kann das auch ohne Flöte!

Bevor wir zurück ins Hostel sind haben wir uns noch beim Mirador in ein Café/Restaurant gesetzt, Limonade getrunken und Eis/Crêpe gegessen, während die Sonne, relativ unspektakulär, von einem Moment auf den anderen hinter den Bergen verschwand. Um 18 Uhr geht hier wirklich recht zackig das Licht aus.

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Ein wunderbar klischeehaftes Foto mit Alpakapulli – dabei habe ich mir noch nicht einmal einen gekauft, sondern diesen hier nur von einer ausgeliehen, weil mir kalt war.

Zurück im Hostel gab es Abendessen. Salome meinte irgendwann, dass ich ja noch gut vier Stunden hätte, um eine weitere Torte ins Gesicht zu bekommen, aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Dementsprechend überrascht war ich, als plötzlich alle angefangen haben „Happy Birthday“ zu singen und ein Kellner mir eine Schokotorte vor die Nase stellte. Die anderen Freiwilligen hatten sie beim Hostel für mich bestellt! Sogar mein Name stand darauf! Salome hat die Torte nicht ganz so überzeugt in mein Gesicht geklatscht wie Jelka mich am Morgen hineingedrückt hatte, sodass ich nicht wieder zur Tortenkatze wurde, wobei sie auch betonte, dass die Schokolade zu hart war. Diesmal wusste ich aber auch schon, was kommen würde, es war also sowieso schwerer, mich so unvorbereitet hineinzudrücken wie beim ersten Mal.

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„…queremos que masquar la torta, queremos que…“

Ich habe mich also noch einmal darin geübt, eine Torte in gut 20 Stücke zu teilen. Arturo hat uns danach noch die Regeln von HI erklärt, woraufhin ich wirklich müde war. Mit einem Lachflash mit zwei anderen endete dieser, wirklich schöne 20. Geburtstag. Es ist so viel mehr passiert, als ich erwartet hätte!

Vielen Dank an alle, die mir gratuliert haben und an all die, die diesen Tag so besonders und unvergesslich gemacht haben!

Ankunft in der weißen Stadt

Am Montag, den 8. August war es so weit: Nachmittags bin ich mit jede Menge Gepäck in den Zug nach Frankfurt gestiegen, von wo ich zusammen mit den anderen Bolivien-weltwärts-Freiwilligen von Volunta über São Paulo und Asunción nach Santa Cruz de la Sierra geflogen bin.

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Gruppenfoto am Frankfurter Flughafen – das war ein Blitzgewitter mit den ganzen Eltern!

In Santa Cruz wurden wir von Max Steiner, unserem Betreuer von Hosteling International (HI), in Empfang genommen und mit zwei Micros – bolivianischen Stadtbussen – zum Hostel gefahren.

Nach der gut 24 Stunden langen Reise und sechs Stunden Zeitumstellung zurück (der Tag nahm einfach kein Ende…) waren wir wohl alle ein bisschen müde, aber Max hat uns trotzdem noch eine kleine Einführung in die bolivianische Kultur gegeben. Dazu gab es Tee auf bolivianische Art mit verschiedenen Häppchen mit Käse und Mais oder Maniok. Am nächsten Tag sind wir Nachmittags nach einem weiteren Treffen mit Max in eine Flota – so heißen die Fernbusse hier – nach Sucre gestiegen. Der Busbahnhof war wirklich ein Erlebnis, überall rannten Leute umher, die einen riefen Städtenamen durch die Halle, die anderen versuchten Snacks zu verkaufen – und dazwischen wir, ein Haufen Deutscher.

Die Fahrt nach Sucre ging über Nacht und zu unserer großen Überraschung war der Bus in seiner Einfachheit unerwartet bequem, was vielen von uns – so auch mir – mal wieder zu etwas Schlaf verholfen hat. Mit viel Geklapper sind wir so die Höhenmeter hochgeschaukelt. Ich hatte mir keine großen Gedanken darüber gemacht, wie die Straßen in Bolivien aussehen würden, war dann aber doch ein bisschen überrascht, als wir größtenteils auf unbefestigten Erdpisten fuhren. Mit dem Sonnenaufgang tauchte Sucre hinter der Windschutzscheibe auf und wir waren nach gut zwei Tagen und Nächten “on the road” endlich angekommen. Am Busterminal erwarteten uns Arturo, u.a. Lotte und mein Mentor von HI, und sein Sohn, die uns in drei Fahrzeugen zum Hostel beförderten.

Zur Zeit und noch etwa eine gute Woche lang müssen wir also noch aus dem Koffer leben, aber das Hostel ist mit seinen typischen bolivianischen Innenhöfen und dem angrenzenden Garten echt schön, sodass ich mich doch recht gut einleben konnte.

Das Frühstücksbuffet, dass wir nach der langen Busfahrt zum ersten Mal genießen durften, ist hier im Hostel meine absolute Lieblingsmahlzeit: Es gibt jede Menge frisches Obst, frische Säfte (das unerwartetste war wohl der Erdbeersaft, der aber wirklich lecker ist!), Müsli mit Amarant, Quinoa und Chia – was es hier in Massen gibt – und natürlich dem Cocatee, der eine sehr feine Grünteenote hat.

Während den folgenden Tagen haben wir die vielen Maßnahmen und Behördengänge unternommen, die notwendig sind, um die bolivianische Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr zu erhalten. Unser Programm ging von Fotos machen über unzählige Unterschriften abgeben und wie kleine Kinder Fingerabdrücke auf Papiere drücken, Blutabnehmen und einem Besuch bei Interpol, welches das letzte Zimmer im Gang einer Polizeistation ist und durch ein selbstgebasteltes – äußerst seriös wirkendes (…) – Pappschild ausgeschildert wird. Grundsätzlich ziehen sich die Wartezeiten natürlich, aber ich habe mich immer gut beschäftigen können, vor allem mit einem kleinen Buch mit südamerikanischen Mythen, geschrieben in Spanisch mit der dazugehörigen Deutschen Übersetzung auf der jeweils gegenüberliegende Seite, was mir das nervige Nachschlagen erspart.

Eine bolivianische Legende über die Kartoffel hat es mir besonders angetan: Sie handelt von einem friedlichen Volk im Hochland, den paca jaqis, mit denen die “Pachamama”, die Mutter Erde, von jeher großzügig war und welche sie mit ausreichen Nahrungsmitteln segnete. Das Volk lebte in Eintracht mit der Natur und verzichtete bewusst darauf, eine Armee zu haben. Wenn ein benachbartes Volk Schwierigkeiten hatte, gaben sie gerne etwas von ihren Reichtümern ab. Eines Tages musste ein Volk wegen einem Vulkanausbruch aus ihren Gebieten fliehen und bat die paca jaqis um Hilfe, die sie ihnen gerne gewährte. Nach ein paar Jahren weigerten sie sich jedoch, das andere Volk weiterhin ohne Gegenleistung zu versorgen, woraufhin dieses die Waffen ergriff und den paca jaqis die gesamte Ernte raubte. Das kriegerische Volk unterdrückte sie immer weiter und stürzte die friedlichen Menschen in eine tiefe Armut. Als es dem kriegerischen Volk schon lange nicht mehr um’s reine Überleben ging, begannen die paca jaqis in Erwähnung zu ziehen, sich doch mit einer Armee zur Wehr zu setzen, doch sie wussten, dass dies nur weiteres Leiden schaffen würde. Deswegen beschlossen die Ältesten ihren Gott, Wiracocha, um Gerechtigkeit zu bitten. Dieser wies sie an, auf ihre Felder zurückzukehren, die dort bereitliegenden kugelförmigen Samen einzupflanzen und abzuwarten. Als die Pflanzen grün waren und, ihnen bisher unbekannte, weiße Blüten gebildet hatte, kam wie jedes Jahr das kriegerische Volk und raubte die komplette Ernte. Enttäuscht suchten die paca jaqis wieder ihrem Gott auf. Er erklärte ihnen, dass sie in der Erde ihrer Felder Nahrung und Samen finden würden, die Gier der Eindringlinge jedoch deren Untergang bedeuten würde. So kam es auch, denn die, durch die Knollen der Kartoffeln, gestärkten paca jaqis konnten die geschwächten Eindringlinge ohne eigene Armee vertreiben. So wurde die Kartoffel zur Nahrungsgrundlage von Millionen von Menschen.

Bei mir hat diese Geschichte eine große Bewunderung für die Weiseheit dieses friedliebenden Gottes hinterlassen (es gibt auch andere Lösungen als Krieg!) und eine ganz neue Sicht auf die Kartoffel, was hier durchaus hilfreich ist, denn sie stellt tatsächlich zusammen mit Reis und Fleisch (für uns Vegetarier gibt es statt Fleisch Salat und wenn wir Glück haben Quinoabratlinge) die Nahrungsgrundlage dar. Reis oder Nudeln mit Kartoffeln zu essen ist durchaus gewöhnungsbedürftig, aber Dank dieser Legende hat die Kartoffel bei mir einen ganz neue Wertschätzung erhalten.

Am Samstag sind wir ein paar Straßen hinter dem Hostel hoch zu einem Aussichtspunkt (“El Mirador / La Recoleta”) hochgelaufen.

Anschließend bin ich mit drei anderen auf der Suche nach Gitarren zu einem Markt etwas außerhalb gelaufen, wo wir noch einmal eine ganz andere Seite von Sucre kennenlernten, ich würde es mal “mehr einheimisch und weniger touristisch” nennen. Hier sind wirklich kulturelle Unterschiede zu spüren. Erstmal fallen wir natürlich mit unserem Äußeren ganz unglaublich auf, was mir manchmal unangenehm ist. Für uns wiederum ist es jedoch auch etwas verstörend, an getrockneten Lamaföten vorbeizulaufen, die durchaus einen ungewohnten Geruch haben.

Überzeugend waren die Gitarren leider nicht, letztendlich hatten sie genau die gleiche Qualität wie Gitarren zu dem Preis in Deutschland. Ich vermisse meine Instrumente…

Zurück sind wir zum ersten Mal mit einem Micro gefahren. Da wir genau in den Feierabendverkehr geraten waren, war der Bus völlig überfüllt und ein anderer Freiwilliger und ich hingen wie Hunde aus der offenen Tür. Wirklich schnell ging es bei den verstopften Straßen eh nicht voran, aber die Perspektive hatte was!

Am Sonntag morgen war ich auf dem “Mercado central” und habe ein paar Dinge eingekauft, unter anderem ein großes Glas zum Kombucha machen. Dabei hatte ich unpraktischerweise nicht mehr genug Geld im Geldbeutel und musste an meine Bauchtasche unter meinem Kleid. Zum Glück hatte ich eine Leggins an, aber es war mir trotzdem sehr peinlich so vor der mittelalten, auf den ersten Blick typisch bolivianischen Verkäuferin unter mein Kleid zu greifen. Als sie verstand, was Sache war fing sie an zu lachen und erklärte mir, dass auch sie im Sinne von “sicher ist sicher” manchmal ihr Geld in den Ausschnitt steckt und demonstrierte mir das Ganze kurzerhand. Bis dahin habe ich mich oft wie eine touristische Gringa gefühlt, aber dadurch war das Eis plötzlich gebrochen, wir haben zusammen gelacht und ich hatte das Gefühl ein bisschen mehr akzeptiert zu sein. Da ich unterwegs zu dem zum CEJ gehörenden Haus hier in Sucre war und dort Gitarre üben wollte, habe ich auch die “enttouristisierende” Wirkung eines Instrumentes kennengelernt. Das wirkt wirklich Wunder!

Franz, der Mentor von Lotte und mir, und seine Frau waren gerade am Plätzchen backen, als ich zur Hoftür hereinkam und haben mir großzügig welche abgegeben. Irgendwie war es seltsam, im Sommer Plätzchen zu essen, aber dann ist mir wieder eingefallen, dass hier ja Winter ist. Wobei man bei dem ganzen Sonnenschein eigentlich nicht von Winter reden kann. Kalt wird es nur nachts und selbst dann ist es gut auszuhalten. Überraschend sind die großen Temperaturunterschiede zwischen Sonne und Schatten. In der Sonne ist es wirklich heiß, während man im Schatten doch gerne mal zum Pulli greift.

Nachmittags habe ich mit Katharina aus dem Partnerprojekt Tarabuco zum ersten Mal den Kombucha angesetzt und bin gespannt wie er sich entwickelt. Mit dem Brotbacken werde ich noch warten, bis wir uns selber versorgen. Ich freue mich jedoch wirklich schon wieder auf deutsches Brot, weil das Brot hier irgendwie seltsam ist. Egal was, es ist mindestens leicht gesüßt, etwas trocken und in 90% der Fällen versteckt sich irgendwo ein Stück Käse.

Abends haben wir Musik gemacht. Dafür, dass wir nie zuvor in dieser Konstellation zusammen gespielt hatten, hat es echt gut funktioniert. Wie so oft kannte ich die meisten Lieder nicht, merke jedoch, wie ich mich mehr und mehr im Improvisieren zurecht finde – mindestens gesanglich und mit dem Clarineau (meiner Blockflöte mit Klarinettenmundstück). Die Geige habe ich erstmal größtenteils einer anderen überlassen, die die Töne auch wirklich trifft – aber ich habe eine Jahr in der Pampa vor mir, das lerne ich noch!

Für Dienstag Nachmittag hatte Arturo einen Selbstverteidigungskurs für uns organisiert. Er ging zwar nur eineinhalb Stunden, aber ich habe doch noch mal ganz andere Griffe kennengelernt, als ich bisher kannte. Erst ging es teilweise ganz schön hart zu, aber dann haben wir noch eine stillere Selbstverteidigung kennengelernt, bei der man sich die Akkupunkturpunkte zunutze macht. Es tut beispielsweise in der ganzen Hand unglaublich weh, wenn man auf einen Punkt in der Kuhle zwischen den Knochen von Zeigefinger und Daumen drückt – während gefühlvolles massieren bei Kopfschmerzen hilft.

Am meisten von den Socken gehauen hat uns wohl folgende Demonstration: Ein Freiwilliger hat seine Freundin mit einem Griff mit beiden Händen um den Bauch problemlos hocheben können, doch als sie ihm ihre Zeigefinger auf beiden Seiten des Halses auf einen Punkt unter dem Kiefergelenk legte, sich konzentrierte und sich vorstellte, dass sich ihre beiden Zeigefinger berühren, könnte er sie, trotz größter Anstrengung plötzlich nicht mehr hochheben. Ungläubig haben wir anderen es auch ausprobiert und es ging wirklich nicht.

Gute Nachrichten zum Schluss: langsam hat auch der letzte Bauch die Party wieder eingestellt. Ich wurde zum Glück vom Schlimmsten verschont, nur ungewöhnlich plötzlich auftauchende Dränge das stille Örtchen aufzusuchen habe auch ich kennengelernt.

Fotomasse

Gerade bin ich drei Jahre meiner Fotomediathek im Schnelldurchlauf durchgegangen, weil ich gerne ein „paar“ (ca. 150 😀 ) für meine Wände, für ein Album und zum Verschenken ausdrucken möchte. Ein scheinbar endloses Unterfangen! Das hört einfach nicht auf! So viele Fotos, so viele Erlebnisse, so viele Erinnerungen, die trotz allem ein bisschen in Vergessenheit geraten sind. Wozu machen wir eigentlich diese ganzen Fotos? Natürlich sind ein paar ganz schön anzuschauen, aber es ist heutzutage doch wirklich so leicht geworden, einfach abzudrücken, herumzuexperimentieren, ein Motiv zehn Mal, fünfzig Mal oder auch hundert Mal abzulichten…! Wobei davon dann meistens höchstens ein Foto wirklich gut ist.

Ganz schlimm wird es, wenn ich die Fotos von verschiedenen Leuten auf meinem Computer gesammelt habe. Dann gibt es jedes Motiv gefühlte zwanzig Mal! Natürlich ist es auch interessant die verschiedenen Blickwinkel wahrzunehmen und doch ähneln sich die Bilder oft sehr. Wozu machen wir eigentlich diese ganzen Fotos, wenn wir zumindest viele Landschaftsbilder oder Bilder von Sehenswürdigkeiten in ähnlicher Ausführung über Google finden können?! Wo bleibt bei dieser Masse die Einzigartigkeit der Bilder? Erinnern Bilder nicht allzu oft „déjà-vu-artig“ an ein anderes, bereits zuvor gesehenes Bild? Aber was ist man schon für ein Künstler, wenn man glaubt, nichts neues mehr schaffen zu können?!

Was ich auch sehr interessant fand war, wie sich mein Blick auf die Fotos verändert hat. Manche Fotos, insbesondere Fotos auf denen ich selber zu sehen bin, fand ich unmöglich, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Doch jetzt, Monate oder gar Jahre später, finde ich sie gar nicht mehr so schlimm. Teilweise sogar ganz nett! Es scheint mir, als bräuchte ich ein bisschen Abstand um von meiner eigenen Vorstellung loszukommen und die Fotos einfach so sehen zu können, wie sie sind. Wobei, was heißt schon „wie sie sind“? Auf einer Postkarte habe ich einmal folgendes Zitat gelesen:

Jedes Ding hat drei Seiten.

Eine, die du siehst,

eine, die ich sehe,

und eine, die wir beide nicht sehen.

Überhaupt ist man oft mit eigenen Fotos unnötig kleinlich. Wer mich kennt weiß, dass ich darin mindestens einen Doktortitel habe. Oft schaue ich mir Fotos von mir selber nicht einmal sofort an, weil ich mich zu sehr vor der Differenz von dem Foto zu meiner eigenen Vorstellung fürchte. Und jedes Mal frage ich mich, was nun die Wahrheit ist, meine Sicht, bzw. Vorstellung, oder das Foto? Wahrscheinlich weder noch.

Schon in meiner Zwölftklassarbeit (Waldorfschule 😉 ) habe ich über diese Massenproduktion von Fotos philosophiert und hatte mir eigentlich vorgenommen, das mal ein bisschen in den Griff zu bekommen. Aber letztendlich drücke ich dann doch immer wieder noch mal ab, um das zuvor entstandene Ergebnis zu perfektionieren und immer wieder gehe ich die Fotos danach nicht am Computer noch mal durch, um die zu löschen, die einfach nichts geworden sind. Dafür fehlt mir einfach die Zeit und der Nerv. Und außerdem: man weiß ja nie! Vielleicht brauche ich sie ja doch noch einmal. Und wen juckt dass schon, ob das jetzt ein paar Gigabyte mehr oder weniger sind?!

Grundsätzlich niemanden. Und doch kann ich nicht aufhören mich zu fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, sich auf die Wesentlichen zu konzentrieren.

Wenn das nur so einfach wäre…

Hier mal ein paar Wiederentdeckungen, die ich eigentlich schon länger posten wollte, aber nie einen Anlass dazu hatte. Deswegen ist das auch so eine bunte Mischung!