Zwischenstopp in Deutschland

Am 3. August kam ich nachmittags wohlbehalten in Deutschland an. Am nächsten Morgen hatte ich in der Uni Freiburg mein Vorstellungsgespräch für den englischsprachigen Studiengang „Liberal Arts and Sciences“ und nur wenige Tage später hatte ich zu meiner große Freude die Rückmeldung, dass ich angenommen wurde! Nun, dreieinhalb Wochen nachdem ich angekommen bin, sitze ich schon wieder im Flugzeug, um noch einmal fünfeinhalb Wochen das Leben mit den Leuten in Bolivien zu genießen, bevor ich mit dem Studium beginne. Wer hätte das noch vor wenigen Monaten gedacht? Ich am allerwenigsten. In diesem Artikel soll es jedoch vor allem darum gehen, wie es für mich war, zurückzukommen.

Mein erster Eindruck als ich aus dem Frankfurter Flughafen trat war, verdammt, ist das alles grau hier, mit den Asphaltstraßen und großen, grauen Flughafengebäuden! Als ich mir dann, wie seit einem Jahr geplant, meinen ersten Laugenknoten kaufte, hätte ich den Preis mal lieber nicht in Bolivianos umrechnen sollen, denn der belegte Knoten kostete mehr als ich im letzten Jahr durchschnittlich pro Tag für Essen ausgegeben habe. Außerdem kamen mir die Floskeln für’s Bezahlen nicht so richtig über die Lippen und immer wieder wären sie mir beinahe auf Spanisch rausgerutscht. Insbesondere ein „Gracias“ lag mir häufig gefährlich weit vorne auf der Zungenspitze. Überhaupt konnte ich mich bis zum Ende nicht so recht daran gewöhnen, dass ich in der Öffentlichkeit mit Leuten, die ich nicht kenne, „einfach“ Deutsch sprechen kann! Im ICE habe ich mich nach den Bussen in Bolivien gesehnt, wo man immer einen Sitzplatz sicher hatte. Von der Kulanz der netten Zugbegleiterin, die mein, unter der Rail&Fly Nummer nicht auffindbares, Ticket einfach akzeptierte, um mir einen komplizierten Prozess zu ersparen, war ich wiederum sehr positiv überrascht. Draußen rauschte die saftig dunkelgrüne Landschaft vorbei, die noch grüner und schöner war, als ich sie in Erinnerung hatte. Zuhause erwartete mich zu meiner großen Freude mein Cello, das so unglaublich wunderschön und weich klingt, und meine Mutter mit ihrer veganen Wildkräuterernährung, die für mich dann doch irgendwie ein zu großer Kulturschock nach dem bolivianischen Essen war. Überhaupt trat die erwartete Freude über das, besonders von den anderen Freiwilligen, lang ersehnte deutsche Essen bisher bei mir nicht ein. Ich finde es durchaus beeindrucken wie gut und reichlich unser Essen ist, in was für einem Überfluss wir leben und doch konnte ich mich in den letzten Wochen nicht ganz so sehr daran erfreuen, wie manch anderer. Ich empfinde es eher neutral: das eine geht, das andere auch. Wo man is(s)t, ist es schon gut, man muss nur offen sein, sich anzupassen. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Trotzdem genieße ich es sehr, endlich wieder eine ernstzunehmende Wahl zwischen Fleisch und einem vegetarischen Gericht zu haben.

Von den Preisen in Deutschland war ich immer wieder auf’s neue schockiert. Ich habe mich doch sehr daran gewöhnt, so wenig Geld auszugeben und jetzt verschwindet das Geld einfach so von meinem Konto. Lebensmitteleinkauf für 15€. Sonst waren das 15 Bolivianos (1€ entspricht etwa 7-8 Bolivianos). Haare schneiden bei Hairkiller (der war doch früher so billig??!!): 27€, weil ich auch noch den Langhaarzuschlag bezahlen musste. Wenigstens haben sie’s gut gemacht. Aber in Bolivien hätte mich der Spaß 60 Bolivianos gekostet. Ein Teller beim Libanesen: 10€. In diesem Fall hat es mir zwar wirklich besser geschmeckt als auf dem Markt in Sucre, aber dort hätte ich für einen üppigen Teller das gleiche in Bolivianos bezahlt – und für einen vegetarischen sogar nur 6 Bolivianos. Die Preise sind also teilweise gleich, obwohl der Euro 7 mal so viel wert ist.

Ich dachte immer, in Deutschland bin ich doch auch viel gereist und ich werde bestimmt einige spontane Reisen unternehmen, aber ich hatte echt vergessen, wie kompliziert und teuer Transportmittel hier sind. Für den Bus von Darmstadt zum Flughafen habe ich das gleiche gezahlt, wie für eine Busfahrt von Sucre nach Santa Cruz – die mehr als 12 Mal so lange dauert. Klar sind die Transportmittel hier um einiges moderner, aber ist das wirklich nötig? Von den Klimaanlagen bekomme ich am Ende doch nur eine Erkältung (dieses Flugzeug ist ein fliegender Kühlschrank!) und die Bussitze in Bolivien sind immer noch die bequemsten, die ich kenne. An das Buchen lange im Voraus kann ich mich im Moment überhaupt nicht gewöhnen. In Bolivien bin ich einfach zur Terminal (Busbahnhof) gegangen und habe mir ein Ticket gekauft, wobei ich mir sogar direkt den Platz aussuchen konnte. In Deutschland geht vieles online oder eben auch nicht, denn dann kann keine Preisauskunft gegeben werden, weil – ja warum eigentlich nicht?! Und warum kann ein Ticket, also die gleiche Leistung, nicht einfach immer das gleiche kosten? Da ich mich nicht an die minutengenauen Abfahrtzeiten gewöhnen kann, tendiere ich dazu, gestresst im Bahnhof rumzugejoggen. Umsteigen ist auch eine Herausforderung für sich, es ist so bequem, einfach die ganze Fahrt über sitzen bleiben zu können. Aber ich will mich auch nicht nur beschweren. In den dreieinhalb Wochen bin ich mehrmals mit meinem Cello Zug gefahren und habe viel Hilfsbereitschaft und Offenheit von meinen Mitfahrern erlebt. Zu meiner Freude wurde sehr häufig darauf angesprochen. Diese Offenheit der Leute und das Interesse daran, sich mit jemanden einfach zu unterhalten, habe ich als sehr schön empfunden.

Ich mag die sauberen, sortierten (Alt-)Städte Deutschlands und gleichzeitig vermisse ich manchmal schon ein bisschen das bunte Chaos aus Bolivien. Auch finde ich es schade, dass die meisten Straßen gepflastert oder zubetoniert sind. Es würde mit dem vielen Regen hier wahrscheinlich tatsächlich nicht gut funktionieren, aber es fehlt mir einfach so ein bisschen der Kontakt zur Erde.

Überhaupt ist mir bewusst geworden, wie sehr Kultur und z.B. auch Mode von dem jeweiligen Klima abhängt. In Sucre, wo das Klima das ganze Jahr über ähnlich ist, kann man auch das ganze Jahre über das gleiche anziehen. In Deutschland muss man seinen Kleiderschrank im Winter mit den Winterklamotten bestücken und immer darauf gefasst sein, dass es anfangen könnte zu regnen. In Sucre kann man sich zu 90% darauf verlassen, dass es im Herbst, Winter und Frühling kaum regnet und damit ganz anders planen. In Deutschland müssen wir doch immer noch einen Plan B haben, damit das Programm nicht wegen einem Wolkenbruch ausfallen muss. Wenn wir Pech haben, regnet es mal drei Tage oder mehr am Stück, was schon auf das Gemüt und die Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, schlagen kann. In Sucre geht ein Regen dahingegen immer schnell vorbei und dann erstrahlt auch schon wieder der immer blaue, wolkenfreie Himmel auf’s neue.

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Das große Problem an diesem Dauerschönwetter ist jedoch, dass das Klima recht trocken ist, was sowohl zu Wasserknappheit führt, als auch der Grund dafür ist, dass mir das Grün fehlt.

In Bolivien hatte ich ja immer das Gefühl, dass Deutschland durchschnittlich zwar schon recht hellhäutig ist, aber doch viel bunt gemischt als ich Bolivien empfunden habe. Ich habe den Eindruck, dass es dadurch auch einfacher ist, egal mit welcher Haut- und Haarfarbe seinen Platz zu finden, weil man nicht direkt als Ausländer abgestempelt wird, da es inzwischen einfach viele gibt, die nicht blond und blauäugig, aber in Deutschland aufgewachsen sind. Gleichzeitig war ich mir nicht sicher, ob ich mir das vielleicht doch nur eingebildet hatte. Doch nun kann ich berichten: Ich empfinde es immer noch so. In den Straßen gibt es einfach alles und obwohl ein buntes indisches oder afrikanisches Kleid doch auffällt gibt es auch bei der Mode viele unterschiedliche und dennoch akzeptierte Stile, die oft mehr über die Persönlichkeit, als über die Herkunft aussagen.

Ich war überrascht darüber, wie viele Fremdsprachen ich so in den Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln hören konnte! Als ich in der Sportarena ausschließlich von Französisch und arabischen Sprachen umgeben war, habe ich mich schon gefragt, wie sich dieses multikulturelle Leben einmal auf unser zukünftiges Zusammenleben auswirken wird. Ich finde es ja durchaus spannend und mache absolut mit und dennoch werden wir uns darauf einstellen müssen. Wie gehen wir damit um, dass vielleicht eines Tages ein Großteil der Menschen nicht mehr der Landessprache mächtig sein wird? Werden wir uns letztendlich doch weltweit auf eine Sprache (Englisch?) einigen? Was wird mit den anderen Sprachen passieren? Werden sie weiterhin in den Familien und entsprechenden Freundeskreisen gesprochen werden? Für mich habe ich jedoch noch einmal festgestellt, wie wichtig eine gute Integration der Menschen, die in einem anderen Land leben, als in dem sie aufgewachsen sind, ist. Dabei geht es mir gar nicht in erster Linie um die Frage, wer jetzt die Kultur der anderen übernehmen muss, sondern darum, dass sich Freundeskreise bilden, bei denen sich Einheimische und Eingewanderte mischen. Wie viel hat sich für mich nicht geändert, als ich in Bolivien endlich einen bolivianischen Freundeskreis hatte? Man erfährt einfach viel mehr von den Angeboten vor Ort, hat die Möglichkeit die Landessprache zu lernen und sich auszutauschen.

Ich fand es angenehm, mir in Deutschland nicht so viel Gedanken darum machen zu müssen, dass mir etwas geklaut werden könnte. Auch dass die Polizei normalerweise tatsächlich hilfsbereit ist, ist ein Unterschied zu meinen Erfahrungen in Bolivien.

Gleichzeitig finde ich es ein bisschen anstrengend, dass alles so gut geregelt ist. Für was man nicht alles Strafe zahlen könnte, wenn man erwischt werden würde! Immer automatisch den Anschnallgurt zu benutzen habe ich einfach verlernt. Oft fällt es mir erst ein, wenn irgendwas anfängt zu piepen, um mich darauf hinzuweisen. Außerdem habe ich mich noch nicht so richtig wieder daran gewöhnt, Öffnungszeiten ernst zu nehmen.

Vielen von uns Freiwilligen waren recht schockiert gewesen von der hohen Plastikmüllproduktion, die wir in Bolivien erlebt haben, insbesondere durch die ganzen Plastiktüten. Hier in Deutschland werden zwar wirklich kaum noch Einkaufstüten verwendet und teilweise muss man sogar dafür zahlen und dennoch ist unglaublich viel – insbesondere in der Kosmetikabteilung – schon von der Fabrik aus in Plastik verpackt. Ich finde trotzdem, sich in Deutschland wirklich Mühe gegeben wird, aber es gibt auch noch Verbesserungspotential.

Ich mag diese Kultur des Spazierengehens. Auf dem Weg zum Jesuitenschlößchen den Schönberg hinauf, sind wir so vielen Menschen begegnet, die ganz wunderbar ausgeglichen, glücklich und offen wirkten und oft in intensive Gespräche vertieft waren. Das habe ich in Bolivien nie so gesehen.

Als ich vom Schönberg auf Freiburg heruntergeschaut habe, konnte ich wirklich gut verstehen, warum das Grün mir so gefehlt hatte. Mit den noch frischen Bildern vom immer rot-braunen Sucre im Kopf kam mir Freiburg beinahe wie ein Dschungel mit Häusern dazwischen vor.

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Aus all diesen Erfahrungen nehme ich auf jeden Fall mit: um etwas neues erleben zu können, muss man loslassen und gerade wenn man irgendwo für ein Jahr hingeht, kommt man da früher oder später eh nicht drum herum. Auch wenn es nicht einfach ist, habe ich für mich gemerkt, dass ich mich bisher an alles gewöhnen konnte. Wichtig ist einfach, dass man das genießt, was man gerade hat und dem Rest nicht hinterher trauert, denn man kann einfach nicht alles gleichzeitig haben.

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Wie ich Bolivien lieben lernte oder „nein, maaaaan, ich will noch nicht gehn!“

Mit meinem Umzug nach Sucre wurde in meinem Leben in Bolivien wie ein Schalter umgelegt. Deswegen liegt es mir nun sehr am Herzen, einen Artikel darüber zu schreiben, wie gut es mir nun gefällt und wie glücklich ich bin, wie als Antwort auf den Artikel von vor etwa vier Monate, in dem noch alles ganz anders aussah.

Inzwischen antworte ich auf die Frage „wie gefällt es dir in Bolivien?“ immer aus tiefsten Herzen „muy bien!“

Durch die Arbeit mit der Musik habe ich in kurzer Zeit überraschend viele Leute kennengelernt, die mir alle sehr ans Herz gewachsen sind. Und ich lerne immer noch neue kennen! Oft sind es irgendwelche Zufälle: zum Beispiel habe ich vor eineinhalb Monaten angefangen, Schlagzeugunterricht in der Musikschule Riffson zu nehmen, weil ich in Erwägung gezogen habe, Musiktherapie zu studieren und das für die Aufnahmeprüfung gebraucht hätte. Als ich eines Abends länger geblieben bin – mein Schlagzeuglehrer und ich können uns ganz wunderbar unterhalten – kam eine Bolivianerin zur Tür herein, die sich erst riesig gefreut hat, dass ich Deutsche bin, weil sie viele Deutsche Freunde hat, und dann noch mehr gefreut hat, als sie hörte, dass ich Cello spiele, denn sie kannte auch Karima, die letztes Jahr hier Cellonterrich gegeben hat und in deren Fußstapfen ich gewissermaßen trete, denn alle, die ich kennenlerne, haben mindestens von ihr gehört. Die Klassikmusikwelt ist hier aber auch überschaubar. Die Frau, die ich an diesem Abend kennenlernte, arbeitet jedenfalls im Krankenhaus in Lajastambo, einem Stadtviertel etwas außerhalb, auf dem Weg nach Cajamarca und hat mich eingeladen, dort bei der Musiktherapie zu helfen. Seitdem singe ich dort jeden Freitag Nachmittag mit und spiele ein Stück auf dem Cello vor, was wirklich eine gute Übung ist. So bin ich in die sucrenser Musiktherapieszene geraten, habe vor ein paar Wochen an einem Musiktherapieworkshop teilgenommen, dabei einen Haufen Schweden kennengelernt, von denen eine am Tag drauf ein Konzert gegeben hat, bei dem sie mich nach der Hälfte spontan auf die Bühne gebeten hat, um ein bisschen mitzuspielen – und das, obwohl ich die Lieder nicht nie gehört hatte. Aber genau diese Spontanität gefällt mir!

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Außerdem haben Rodrigo und ich vor ein paar Wochen in dem Krankenhaus in Lajastambo Vivaldis Konzert für zwei Celli in Gm gespielt und zwar so auf einer Art Brücke zwischen den zwei Seiten, dass uns das ganze Krankenhaus gehört hat. Ein unglaubliches Erlebnis, das wir gerne wiederholt hätten, dies jedoch vorerst auf meinen nächsten Besuch in Bolivien verschieben müssen.

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Ich weiß nicht, ob ich die südamerikanische Musik die so in den Straßen und Radios dudelt wirklich mehr zu schätzen gelernt habe oder ob ich mich einfach mehr gewöhnt habe. Jedenfalls habe ich besonders Cumbia für mich entdeckt – einerseits weil ich das im Schlagzeugunterricht gelernt habe und andererseits, weil Rodrigo mir einiges gezeigt hat. Immer öfter kann ich inzwischen lauthals mitsingen 🙂

Lauthals gesungen habe ich auch vorletzten Samstag, als wir mit der Rockband, in die mich Rodrigo eingeladen hat, ein Konzert in einer Bar gegeben haben.

Dort haben wir sogar den ersten Satz des Cellokonzerts statt von einem Orchester begleitet mit Schlagzeug gespielt!

Nachdem wir es aus verschiedenen Gründen drei Mal verschoben haben, war am Abend vorher das Konzert mit Rodrigos Celloschülern, was immer das Ziel für unser Cellokonzert gewesen war.

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Am letzen Donnerstag hatten wir noch ein Konzert mit dem Universitätsorchester und am Freitag mit dem Schulorchester des Colegio Don Bosco. Damit war meine Arbeit in Bolivien nun wirklich vorerst abgeschlossen.

Mit meinen Celloschülerinnen lief es auch sehr gut, aber es tut mir sehr leid, sie jetzt einfach zu verlassen. Da sie in einem Kinderheim wohnen, gibt es keine finanziellen Mittel um ihren Cellonterrich weiterhin zu bezahlen, deswegen möchte ich gerne ein Projekt zu diesem Zweck ins Leben rufen. Wer Interesse hat, mich besonders finanziell zu unterstützen, kann sich gerne bei mir melden!

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Nur die zwei äußeren möchten weiter Cello spielen, die in der Mitte will lieber E-Bass lernen.

Grundsätzlich spreche ich endlich mit Abstand am meisten Spanisch, außerdem viel Englisch und naja, ab und zu eben auch mal Deutsch 😉 Endlich! Auch macht es für mich einen großen Unterschied, endlich abgesehen von kurzen Reisen, an einem Ort zu wohnen.

Besonders in der ersten Zeit nach dem Wechsel habe ich es sehr genossen, mich durch die bolivianische Küche durch zu probieren und sogar als Vegetarierin einige Neuheiten für meine Küche kennengelernt. Irgendwann hat es mich dann aber doch interessiert, was es sonst noch für Geschmäcker gibt, denn auf die Dauer wird es in de Straße und auf dem Markt als Vegetarierin doch etwas eintönig (ich sag nur Fritten mit Reis und Nudeln) und habe meine Prinzipien ab und zu etwas zur Seite gelassen. Trotzdem freue ich mich jetzt doch wieder sehr auf das so vegetarierfreundliche Deutschland, vor allem weil ich mich da auch nicht andauernd rechtfertigen muss.

Ich habe mich ganz ausgesprochen gut in Sucre eingelebt. Vor lauter Kultur kam ich am Ende gar nicht mehr hinterher – ob es nun war, weil ich selber Kultur produziert habe, oder weil andere eine Vorstellung gegeben haben. Das Problem in Sucre ist einfach, dass man viel einfach nicht mitbekommt. Dafür muss man Kontakte haben, die in irgendwelchen Whatsappgruppen sind, über die sich dann alles rumspricht.

Besonders mein Arbeitsweg zum deutsch-bolivianischen Kulturinstitut Icba ist mir wirklich ans Herz gewachsen und sehr zur Gewohnheit geworden. Unter den Bäumen des Parque Bolivar entlang, am Teatro Gran Mariscal vorbei, das für mich immer noch wie aus einem alten Film aussieht, durch einen weiteren kleinen Park, in dem ich mit meinem Cello immer unter einem gefährlich niedrigen Sonnenschirm durchtauchen musste, am Krankenhaus und der Casera mit dem leckeren Quinoa-Apfel-Getränk vorbei, die Arenales immer geradeaus, unter einem weiteren Sonnenschirm durch, den ich tatsächlich mal mit meinem Cello beinahe mitgenommen hätte, woraufhin sowohl die Ladenbesitzerin als auch ich laut lachen mussten, hoch bis zur Plaza, wo mich bereits die Zebras mit einem „buen día!!!! Sonrie!!!!!“ und jede Menge anderen Albernheiten erwarten. In dem Moment fiel mir dann meistens auf, dass ich, wenn ich erst um 9:20 Uhr aus dem Haus gehe, tatsächlich immer 10 min zu spät komme, sodass ich über die Plaza gesaust bin, wobei ich jedesmal gedacht habe, wie schön diese Ansammlung von Bäumen mitten in der Altstadt doch ist, bin die letzte Cuadra bis zur Bolivar hochgejoggt, wo ich in den wunderschönen Innenhof des Icba einbog, den beiden Frauen im Sekretariat ein „buen día“ zurief, um dann entweder von Cellomusik empfangen zu werden, oder festzustellen, dass Rodrigo noch später dran ist. Grundsätzlich kommt mir die „Hora Boliviana“ (die bolivianische Zeit, also immer ein bisschen später) sehr gelegen, aber ich habe es tatsächlich viel zu oft geschafft, meine bolivianischen Freunde noch zu toppen…

Dass ich mich so gut eingelebt habe, liegt vor allem meiner Meinung nach vor allem daran, dass ich durch die Musik plötzlich ein ständig wachsendes soziales Netz hatte. Die tiefen Freundschaften, nach denen ich mich so sehr gesehnt hatte, habe ich inzwischen also gefunden.  Jedem, der für ein paar Monate aufwärts in eine andere Stadt zieht, kann ich nur raten, das soziales Netz zur obersten Priorität zu machen. Wenn es sich nicht durch die Arbeit ergibt, bieten sich Freizeitbeschäftigung an – ob es nun Musik (in Sucre Orchester und Chor beispielsweise im Teatro Gran Mariscal, Musikunterricht, z.B. in der Musikschule Riffson beim Mercado Central – 150-180bs/pro Monat für eine Stunde täglich), Zeichenstunden (an der Ecke Calvo Avaroa gibt es eine Zeichenschule, ca. 190bs/pro Monat, auch täglich), Tanzunterricht (z.B. im Gran Mariscal) oder Mannschaftssport ist, lassen Freizeitbeschäftigungen die kulturellen Unterschiede in den Hintergrund rücken. Das hatte ich auch von Anfang an vorgehabt, aber ich wusste erstens nicht wo (im Internet findet man nichts, in Sucre läuft alles über Connections oder Zufälle) und dann war ich am Wochenende eigentlich auch immer ganz gut beschäftigt und in Cajamarca unter der Woche eben zu weit weg. Sollte jemand Tipps für Sucre brauchen, stehe ich gerne zur Verfügung. Grundsätzlich bietet es sich an, mit den Vorfreiwilligen Kontakt aufzunehmen, weil sie sich einfach am besten auskennen. Mit meiner Einstellung, nur eigene Erfahrungen machen zu wollen, habe ich mir unbeabsichtigt einige Steine vor die Füße gelegt, die nicht nötig gewesen wären.

Außerdem merke ich nun, wenn ich nun rückblickend auf das vergangene Jahr zurückblicke, dass ich mir viel Kummer sparen hatte können, wenn ich einfach nur den Moment genossen und Vertrauen gehabt hätte, dass alles schon seinen Weg gehen würde. Ich hätte mir einfach diese lähmende Angst vor der Zukunft sparen können. Denn obwohl ich mich in den letzten vier Monate viel besser in Bolivien eingelebt habe, würde ich meine Zeit in Cajamarca auch nicht missen wollen. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich mich ohne diese Zeit niemals so gut in Sucre einleben hätte können. Denn sie hat mich sehr beeinflusst und verändert und ich habe neue Seiten von mir kennengelernt, von denen ich bis dahin nicht Mal wusste, dass sie existierten. Die Erfahrung, ein Leben so abgeschieden von allem führen zu können, gibt mir die Sicherheit, nicht viel zu brauchen, um glücklich zu sein. Vor allem bin ich jedoch unglaublich dankbar für die Zeit, die ich mit den verschiedenen Leuten in Cajamarca verbringen durfte, insbesondere für die Zeit mit Lotte, Vanessa und Hayo. Ich habe viel von euch gelernt! Danke für all eure Unterstützung!

Seit meinem Wechsel bin ich einfach nur froh, in Bolivien geblieben zu sein, meinem Leben dort noch mal eine Chance gegeben zu haben. Auch wenn es am Anfang schwierig war, genau daraus habe ich viel gelernt und die letzten Monate waren so schön, dass es das auf jeden Fall wert war. Ich glaube inzwischen auch, dass meine Schwierigkeiten und verstärktes Heimweh um Weihnachten ganz normal sind. Was man bis dahin geschafft hat kommt einem noch so wenig vor im Vergleich zu dem was noch kommt, aber was ich mir nicht vorstellen konnte war, dass ich die ersten Monate tatsächlich die schwierigsten sind und dass es danach immer nur noch besser wird. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt hat, ist das wichtigste offen zu bleiben und das beste aus dem zu machen, was einem das Leben zur Verfügung stellt, aber auch sein Leben selber in der Hand zu nehmen und Veränderungen zu wagen. Das kann wirklich einen großen Unterschied machen.

Letztendlich kann man in Bolivien echt gut leben. Man findet alles, wenn man weiß wo. Nur bis hellhäutige wie ich das Image „Gring@“ ablegen können, wird es wohl leider noch etwas dauern. Das hat mich bis zum Ende belastet, wenn Leute mir oft gar nicht erst zugehört haben und mir dann grundsätzlich den Preis anstatt der Antwort auf meine eigentliche Frage gesagt haben.

Was sich leider auch nicht geändert hat ist, dass es für Bolivianer nicht so unkompliziert ist nach Europa zu kommen, wie es für uns ist, hier her zu reisen. Das finde ich einfach eine unverschämte Ungerechtigkeit. Was in die eine Richtung geht, sollte in die andere auch gehen, wo bleibt denn sonst der Austausch? Dennoch kenne ich inzwischen kenne ich echt viele, die durchaus interessiert und offen für Europa sind und einige meiner Freunde waren auch obwohl es so kompliziert ist bereits in Europa.

Der einzige Nachteil daran, dass es mir jetzt so gut gefällt ist, dass ich mich jetzt, genau wie letztes Jahr, wieder von einem Leben verabschieden muss, das ich eigentlich gerne noch  weiter leben würde. Aber ich spüre lieber Abschiedsschmerz als das Gefühl zu haben, es nicht geschafft zu haben, mich einzuleben. Bei der Abschiedsfeier die mir meine Freunde letzten Samstag organisiert zu haben, war es einfach nur schön zu sehen, wie viele nette Menschen ich in den letzten Monaten noch kennengelernt habe. Ich habe zu meiner eigenen Überraschung echt immer wieder daran gedacht, einfach noch länger in Bolivien zu bleiben, aber letztendlich habe ich nun beschlossen es bei der Uni mindestens mal zu versuchen. Aber wenn’s nicht klappt, wisst ihr, wo ihr mich antreffen könnt 😉

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So hat mein Jahr in Bolivien ein besseres Ende genommen, als ich mir je hätte träumen lassen. Nun sitze ich bereits am Flughafen in Santiago de Chile und will diesen Artikel noch schnell hochladen, bevor es wieder nach Europa geht. Ich kann nicht glauben, dass es vorbei ist. Ich kann mir nicht vorstellen, morgen wieder in Freiburg zu sein. Es gibt so viele Variablen in meiner Zukunft, dass ich im Moment nicht länger als drei Tage im Voraus plane. Ich fühle mich unglaublich bereichert durch mein Jahr in Bolivien und krieg’s einfach nicht in meinen Kopf, dass ich gerade auf dem Weg bin, mich unerreichbar weit davon zu entfernen.

Wie dem auch sei: Ich bin gespannt darauf, was die Zukunft bringt! Nun freue ich mich erstmal darauf, euch alle in Europa wieder zu sehen! Hasta muy, muy pronto!!!!!!!!!!!

Umzug und Projektwechsel nach Sucre

Als ich von meiner spontanen Reise nach Brasilien zurückkam, wurde mir bewusst, dass ich etwas ändern wollte. Erst wollte ich den Freiwilligendienst abbrechen und nach Brasilien gehen, aber bevor ich feststellen konnte, dass das nur kompliziert und sehr teuer geworden wäre, habe ich den Cellisten Rodrigo kennengelernt. Plötzlich sah ich die Möglichkeit, nach Sucre zu ziehen und mit Musik zu arbeiten. Außerdem habe ich organisiert, mehr in Sol en Casa arbeiten zu können.

Es war nicht leicht, Cajamarca zu verlassen, trotz allem. Bei all dem Hin und Her war es doch mein Zuhause. Zum Glück konnte ich aufgrund eines Streiks noch einmal hochfahren und so bei dem Abschiedslagerfeuer mit Hayo und zwei anderen Freiwilligen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, dabei sein. So bin ich mit fast allen, die mir wichtig waren, gemeinsam gegangen. Nur Lotte wollte es erst noch einmal alleine versuchen, hat sich aber dann auch entschieden zu wechseln. Sie arbeitet jetzt Vormittags in der „Escuela Móvil“ (Mobile Schule) mit Straßenkindern und Nachmittags hilft sie in einem Kinderheim beim Hausaufgaben machen und Kochen.

In der ersten Wochen, die ich ganz in Sucre verbracht habe, fand gerade das Barockfestival “VI Festival International de Música Barroca de La Plata” statt. Von Dienstag bis Freitag gab es jeden Abend ein Konzert in dem Raum der “Casa de la Libertad”, in dem Bolivien 1825 seine Unabhängigkeit erklärte. Zu Besuch war das “Ensamble Mizar” aus Argentinien und der “Conjunto de Câmera Recanto Maestro” aus Brasilien. Bei letzteren waren ein Cellist und eine Cellistin dabei, mit denen ich besonders viel zu tun hatte. Denn tagsüber gab es immer Proben und Workshops, aus denen ich sehr viel mitgenommen habe.

Mit dem Kammerorchester der Universitäthaben wir es prompt am ersten Tag des Festivals mit Foto auf die Titelseite der lokalen Tageszeitung „Correo del Sur“ geschafft – obwohl wir die einzigen waren, die keine barocke Musik gespielt haben:

Das „Festival Barroco“ stimmt die Saiten!

Hier zum vollständigen Artikel.

Am Donnerstag hatten wir mit dem Orchester einen sehr vollen Tag: Von morgens bis in den späten Nachmittag hinein haben wir im “Teatro Gran Mariscal” Álvaros Stücke gespielt.

Erst haben wir alle acht Stücke geprobt und den Ton aufgenommen, dann haben wir sie noch einmal gespielt und wurden dabei gefilmt. Zuletzt haben wir ein Konzert gegeben, welches auch noch einmal gefilmt wurde. Sobald ich den Youtube Link zu dem Video habe, werde ich ihn hier veröffentlichen.

In dieser Woche habe ich mich auch um eine neue Möglichkeit zum Wohnen umgeschaut und habe ein Zimmer in einem Haus gefunden, dass Luftlinie etwa 50m von Annelies Haus entfernt ist. Lustigerweise war es mir schon vorher aufgefallen, weil an der Terrasse mal eine Deutschlandflagge hing. Inzwischen hängt dort eine Englandflagge, doch mein Vermieter ist weder Deutscher, noch Engländer. Er ist Bolivianer, mietet den unglaublich großen Altbau und vermietet drei Zimmer über Airbnb.

Mein Zimmer hat ein Fenster zur Terrasse und damit Blick auf den Parque Bolivar.

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Es gibt regen Wechsel bei meinen Mitbewohnern, aber bisher sprachen sie alle entweder Englisch oder Spanisch, also: Ziel erreicht! Es gibt immer wieder Partys oder gemeinsame Essen, ab und zu Couchsurfer und alles in allem fühle ich mich sehr wohl in meinem neuen Zuhause!

Mein Wochenplan ist recht kompliziert, denn kein Tag gleicht dem anderen. Montag, Dienstag und Mittwoch Vormittag studiere ich mit Rodrigo ein Repertoire ein, das wir Ende Juni im Rahmen eines Konzertes vorspielen möchten und eventuell noch bei anderen Gelegenheiten.

Montag Vormittag gehe ich außerdem eine Stunde zu Sol en Casa und helfe bei der Musiktherapie mit. Die Kinder freuen sich immer noch sehr, wenn sie auf dem Cello spielen dürfen. Es ist immer noch eine sehr besondere Stimmung, einer spielt und die anderen sind still und hören zu… Donnerstag und Freitag arbeite ich den ganzen Tag in Sol en Casa. Von einem vegetarischen Restaurant haben wir gerade einen Ofen und Zutaten geschenkt bekommen, damit die Kinder Brötchen und anderes Gebäck backen können, welches dann in dem Restaurant verkauft werden soll. Das ist mindestens der Plan.

Außerdem ist der Garten, bei dem ich immer mitgeholfen habe, fertig geworden:

In der ersten Zeit bin ich zweimal pro Woche Abends mit Álvaro in das Mädchenkinderheim “Miski Wasi” gegangen, wo wir ein bisschen Musikunterricht gegeben und Musik mit den Mädchen gemacht haben. Auch dort ist mein Cello sehr beliebt. Was mich sehr gefreut hat war, wie ich in dort aufgenommen wurde. Sie haben mich einfach akzeptiert, freuen mich immer mich zu sehen und noch nicht einmal ist das Wort “Gringa” gefallen.

Seit letztem Montag gebe ich in dieser Zeit zweien der Mädchen Cellounterricht. Es ist wirklich interessant, selber dieses Instrument zu unterrichten, das mich schon so lange begleitet. Erstmal: einen großen Respekt an alle Lehrer im allgemeinen! Es ist echt nicht einfach, etwas von null aus zu erklären. Plötzlich muss ich mir Dinge, die für mich ganz natürlich sind, so bewusst machen, dass ich sie so erklären kann, dass jemand sie versteht, der sie noch nie gemacht hat.

Dreimal pro Woche helfe ich in dem Jugendorchester des Colegio Don Bosco mit, wo ich mich auch sehr wohl fühle und wir viel Spaß haben.

Seit etwa zwei Wochen helfe ich zwei Nachmittag pro Woche in dem Projekt “Nueva Esperanza” aus. Es ist ein Projekt von und für Menschen mit körperlicher Behinderung, dessen Ziel es ist, so viel Selbstständigkeit wie möglich zu erreichen. Bisher haben wir erfolglos versucht Medizinbücher in der medizinischen Fakultät zu verkaufen und bolivianische Brötchen gebacken.

Mit der Freiwilligen aus Sol en Casa habe ich angefangen, etwa ein Mal pro Woche für Straßenkinder zu backen.

Außerdem habe ich vorletzten Freitag zufällig eine Frau kennengelernt, die als Pädagogin im Krankenhaus in Lajastambo (ein etwas außerhalb gelegenes Stadtviertel, durch das wir auch immer nach Cajamarca gefahren sind) arbeitet und die mich eingeladen hat, dort Freitags bei der Musiktherapie mitzuhelfen. Dort werde ich diesen Freitag zum ersten Mal hingehen.

Insgesamt fühle ich mich ausgesprochen wohl in meinem neuen Umfeld und bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung nach Bolivien gekommen zu sein. Ich habe endlich das Gefühl, angekommen zu sein und meinen Platz in Bolivien gefunden zu haben. Jetzt, 71 Tage vor meinem Rückflug, beginne ich mich so wohl zu fühlen, dass ich länger bleiben könnte. Mein Blick auf Bolivien hat sich wirklich von Grund auf geändert. Doch dazu noch mal ein anderer Artikel.

Die Sonneninsel und wandern auf dem Takesi Trail

Ende März sind Hayo und ich über ein verlängertes Wochenende nach La Paz gefahren. Zuerst haben wir die Isla del Sol angesteuert. Endlich konnte ich mir nun auch einen Eindruck von der Sonneninsel und dem größten Binnensee Südamerikas verschaffen. Leider hatten wir jedoch nur 24 Stunden und konnten nicht die oft empfohlene Wanderung von Nord nach Süd machen, weil im Norden gerade ein Kleinkrieg herrschte. Soweit mir das ein Restaurantbesitzer erklärte, ging es darum, dass die zwei dort lebenden Völker sich nicht einigen konnten, wer nun an den Touristen verdient. So haben wir eben nur den Süden erkundet, was jedoch auch sehr schön war.

Anschließend waren wir drei Tage lang zusammen mit zwei Bolivianerinnen und dem Freund und der 11-jähriger Tochter der einen auf dem Takesi Trail wandern. Die beiden Bolivianerinnen hatten 2005 im Rahmen eines Studienaustauschs in Freiburg gewohnt, eine von ihnen bei Hayo.

Vom Ausgangspunkt der Wanderung, zu dem wir mit einem Taxi gefahren sind, ging der Weg erst ein Stück bergauf auf etwa 4700m.

Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass das Coca kauen wirklich etwas geholfen hat. Zuerst bin ich ohne Coca gelaufen und als ich dann welches gekaut habe, hatte ich den direkten Vergleich: ich musste zwar immer noch mehr atmen und hatte immer noch das Gefühl, wenig Luft zu bekommen, aber wenigstens hat mein Herz wieder in einem weniger panischen Rhythmus geschlagen. Ich kann nur die Lejía  mit Zimtgeschmack empfehlen 😉 Lejía, das ist Natrium mit Zucker, das man zu dem Coca in die Backe stopf. Sie unterstützt die Entfaltung der Wirkung des Cocas, indem es den pH-Wert des Mundes basischer macht.

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Kreuz bei der Überquerung des Passes

Nach der Überquerung des Passes ging es mit wenigen Ausnahmen nur noch bergab. Damit änderte sich jedoch auch schlagartig das Wetter und wir kamen in einen permanenten Nieselregen-Nebel. So wurden wir ziemlich nass und haben leider nicht viel von der Umgebung gesehen. Aber Nebel kann durchaus auch etwas schönes haben (ich weise noch einmal auf das Wortspiel NEBEL-LEBEN hin), sodass ich die Wanderung trotzdem genossen habe.

Durch das viele Wasser war der Weg nur recht rutschig geworden und immer wieder sah ich die anderen ausrutschen. Deswegen habe ich die ganze Zeit sehr aufgepasst, aber als ich am zweiten Tag einmal ganz besonders gut aufgepasst habe – dachte ich – fand ich mich doch einmal plötzlich auf meinem Allerwertesten wieder. Ich war so überrascht, dass ich nur lachen konnte. So ist das halt, man hat das Ausrutschen überhaupt nicht im Griff.

Am Nachmittag des ersten Tages kamen wir in das Dörfchen “Takesi”. Uns wurde gesagt, dass dort zwei Familien leben, wir haben allerdings nur ein älteres Ehepaar gesehen. Die Frau erzählte uns, dass ihre Söhne nach La Paz gezogen sind.

Ja, dieses Dörfchen war noch einmal eine ganz andere Nummer abgelegen und einsam als beispielsweise Cajamarca. Dort kam man wirklich nur zu Fuß hin, das heißt, wenn sie irgendetwas kaufen oder verkaufen möchten, läuft der Mann nach La Paz – und muss alles selber oder vielleicht noch auf dem Rücken eines Lamas oder Esels tragen. So schön ich es auch finde, irgendwo etwas abgelegen in einer Hütte zu leben, habe ich hier gemerkt, dass es mir zu weit gehen würde, dass ich durchaus eine Einsamkeitsgrenze habe.

Weil es so nass war und die Zelte, die wir dabei hatten, dem sicherlich nicht standgehalten hätten, haben wir “ein Zimmer“ in dem Dorf gemietet. “Ein Zimmer” in Anführungszeichen, weil es mehr ein Lamastall oder so war. Außer dass es nach Urin roch war es sauber und das Ehepaar hatte eine Pläne und Lamafelle auf den Boden gelegt. Wegen dem unangenehmen Geruch und auch wegen der sonst unerträglichen Kälte haben wir jedoch trotzdem die Zelte aufgaut, wobei die zwei Iglu Zelte auf den Zentimeter genau reinpassten.

Um 16 Uhr lagen wir bereits alle in unseren Schlafsäcken, denn was anderes war aufgrund der Kälte und der Nässe einfach nicht zu machen. Ich habe noch ein bisschen geschrieben und gelesen und dann haben wir geschlafen – bis um 7 Uhr am nächsten Tag, also 13-14 Stunden! Und das trotz der Kälte und dem durch die Felle zwar gepolsterterten, aber trotzdem harten Boden. Unsere Sachen waren natürlich immer noch feucht bis nass und erstmal steckten wir auch immer noch in den Wolke. Noch ein Grund aus dem ich nicht in dem Dorf leben könnte.

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Gruppenfoto vor Abmarsch, sogar mit der einen Dorfbewohnerin. Hayo wies mich darauf hin, dass ich mit meiner schwarzen Leggins und der Kapuze aussah, als hätte ich einen Taucheranzug an. So fühlte ich mich aber auch: wie eine Taucherin im Nebelmeer! (Mal eine ganz neue Abwandlung von Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“!)

Wir waren kaum fünfzehn Minuten gelaufen, als wir die Wolken hinter uns ließen und endlich wieder die Sonne zu Gesicht bekamen.

Eigentlich wollten wir am zweiten Abend schon wieder nach La Paz zurück fahren, doch dann sind wir an der Unterkunft „Las Rosas de Don Pedro“, die von einer netten Familie betrieben wird, vorbeigekommen und nachdem wir erst weiter gelaufen waren, haben wir spontan beschlossen, zurückzulaufen und dort zu übernachten. Absolut unerklärlich war uns jedoch, dass die Familie dann spurlos verschwunden war und auch bis zum nächsten Morgen nicht mehr auftauchte.

Von dem Wohnhaus der Familie bis zu dem nächsten Dorf sind es etwa drei Stunden zu Fuß. Dort gehen die Kinder der Familie zur Schule. Jeden Montag laufen sie also die drei Stunden, wohnen dann die Woche über in einem Internat und am Freitag geht’s wieder nach Hause. Das finde ich schon ganz schon beeindruckend! Vor allem, weil der Weg nicht ganz ohne ist! Wir mussten unter anderem recht abenteuerlich eine Brücke aus drei Holzstämmen überqueren und den ganzen Weg bergauf zurückzulegen stelle ich mir doch recht anstrengend vor.

Insgesamt hat mir die Wanderung sehr gut gefallen. Ich fand es wunderschön, durch die ganzen verschiedenen Klimazonen zu laufen. Immer wieder sind wir um irgendeine Felsnase herum gelaufen und plötzlich waren Flora und Fauna völlig anders als vorher. Auch wie der Sauerstoffgehalt in der Luft wieder zunahm, konnte ich besonders bei den vereinzelten Strecken bergauf spüren. Plötzlich kam mir das, was mir auf 3000m vorher teilweise als wenig vorgekommen war, plötzlich gar nicht mehr als so wenig vor. Alles eine Frage des Vergleichs.

Schön finde ich auch, dass auf dem Weg grundsätzlich nicht viele Leute unterwegs sind. Wir haben niemanden getroffen, aber wir haben gehört, dass eine Gruppe vor uns unterwegs war.

Durch diese Reise und vor allem durch die Wanderung, habe ich Bolivien nochmal ganz neu kennengelernt, ganz neu schätzen gelernt. Ich kannte echt noch nicht viel von diesem vielseitigen Land.

„Cello en Casa“

Heute habe ich mein Cello mit zu dem Therapiezentrum „Sol en Casa – Yanapasayku“ genommen, wo ich seit ein paar Wochen am Freitag morgen helfe, beeinträchtigte Jugendliche zu betreuen. Nachdem wir ein paar Pflanzen gekauft und sie im Hof in recyclete Behälter gepflanzt haben, habe ich mein Cello ausgepackt. Sofort kamen einige Kinder, haben es sich interessiert angeschaut und auf mein Angebot hin auch an den Seiten gezupft. Ich war sehr beeindruckt, wie natürlich sie sich dem Instrument genähert haben! Nachdem Omar, der betreuende Psychologe, und ich ein Lied begleitet haben, bei dem die Kinder mitgesungen haben, durften sie nacheinander ausprobieren auf dem Cello zu spielen:

Die Größe hat nicht immer ganz gepasst 😉

Sie haben wirklich gut gespielt, dafür dass sie ein solches Instrument nicht nur zum ersten Mal in der Hand hielten, sondern wohl größtenteils auch zum ersten Mal sahen! Besonders eine hat mit Herz und Seele gespielt und sehr ausdrucksvoll mit den vier Tönen der leeren Seiten improvisiert.

Wanderungen in Cajamarca

Vor Weihnachten bin ich mit einem deutschen Pärchen und einem Bolivianer zu den etwa 12km entfernten Inkamalerein gelaufen:

Letztes Wochenende habe ich mich ein paar anderen angeschlossen, die „in die Berge“ wollte. Die meiste Zeit sind wir querfeldein gelaufen und auch wenn wir einmal ein bisschen klettern mussten, habe ich mal wieder gemerkt: es gibt immer einen Weg! Und irgendwie hat das schon was, seinen Wanderweg selber zu finden, anstatt irgendwelchen Markierungen zu folgen.

Karneval, wie ich Brasilien neu kennen lernte oder die Magie des Tanzens

Am Donnerstag, den 23. Februar, haben Lotte, eine andere Freiwillige und ich uns abends auf den Weg nach Puerto Quijarro an der bolivianisch-brasilianischen Grenze gemacht. Am nächsten Abend sind wir nach 27 Stunden unterwegs-sein angekommen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal eine so lange Fahrt mitmachen würde, aber eigentlich war es gar nicht so schlimm. In Puerto Quijarro haben wir und noch andere Freiwillige die dortigen Freiwilligen besucht. Den Karneval haben wir uns auf der brasilianischen Seite in Corumbá angeschaut. Leider war es viel Warterei, aber als die Sambaschulen dann endlich kamen, war es schon schön anzusehen.

Eigentlich wollte ich einfach noch ein bisschen Zeit in Puerto Quijarro mit den anderen Freiwilligen verbringen, aber irgendwie gab es nicht so viel zu tun, wie erwartet. Ein Freiwilliger hat mir dann vorgeschlagen, nach Brasilien zu fahren und dort ein paar Tag in der „Jungle Lodge“ im Pantanal zu verbringen und in Bonito die wunderschöne und bekannte Schnorcheltour im Rio da Prata mitzumachen. Recht spontan habe ich mich dazu entschieden, beides zu machen und zwar nicht nur, weil ich beides sehen wollte, sondern auch, weil ich die Erfahrung machen wollte, alleine in Brasilien zu sein.

Am Mittwoch morgen bin ich los. Als erstes ging’s mit einem Moto Taxi an de Grenze. Als mir der Fahrtwind über die nackte Haut strich und ich wusste, dass ich ein paar Tage vor mir hatte, für die ich zwar schon Erwartungen hatte, in denen ich jedoch auch alles so nehmen wollte, wie es kommt, habe ich mich so unglaublich frei gefühlt! Ich war ganz offen für den Moment und spürte eine Gewissheit, dass alles “ótimo” (optimal) verlaufen würde. Von der brasilianischen Seite der Grenze habe ich den Grenzbus nach Corumbá genommen. Dort musste ich umsteigen und während dem Warten hat mich ein gesprächiger 77-jähriger Brasilianer angequatscht, mir aus seinem Leben erzählt und seine frisch gekauften Bananen mit mir geteilt. Er ist mit mir sogar beim Busbahnhof ausgestiegen und hat mir geholfen, ein Ticket zu bekommen. Das war gar nicht so einfach: der Bus war schon ausgebucht, deswegen habe ich in Erwägung gezogen, mit einer anderen Agentur zu fahren und eventuell auch mit ihnen die Tour zu machen (sie waren auch noch deutlich günstiger). Ich saß schon bei denen im Büro, aber so richtig warm wurde ich aufgrund meiner schlechten Erfahrungen in Uyuni mit der Idee nicht. Um in Ruhe nachdenken zu können, bin ich wieder in den Busbahnhof gelaufen. Dort stand gerade ein Bus in die Richtung, in die ich wollte: Campo Grande. Jener Bus, der ausgebucht war. Ich stand so ein bisschen unschlüssig herum, als mich ein Typ ansprach, mit dem ich schon in der Agentur gesprochen hatte: “dir hat jemand die ‚Jungle Lodge‘ empfohlen, oder? Dann bleib dabei! Ich mache immer das, wozu ich mich entschieden habe.” Wer mich und meine Unentschiedenheit kennt kann sich vorstellen, dass dieser Rat mir sehr geholfen hat 😉 Der Mann hat mir dann sogar noch erfolgreich geholfen den letzten freien Platz in dem eigentlich schon ausgebuchten Bus zu bekommen. Hoch zufrieden und mich in meiner positiven Einstellung bestätigt fühlend bin ich in den Bus gestiegen, den fahrenden Kühlschrank… Das war mal wieder ein Kontrast zu was ich gerade aus Bolivien gewöhnt war: alles war hoch modern und sauber, hinten gab es sogar einen Wasserspender für die Fahrgäste. Kostete aber auch so viel, wie meine 27-stündige Fahrt durch Bolivien. Eineinhalb Stunden später wurde ich in Buracos das Piranhas („Piranhalöcher“) rausgelassen. Das ist eigentlich nur eine Straßenkreuzung. Es wartete schon ein Angestellter von der ‚Jungle Lodge‘ auf mich um mich mit einem Geländewagen abzuholen.

Die ‚Jungle Lodge‘ war ein Paradies. Zusätzlich dazu, dass die Landschaft sehr schön ist, ist die Unterkunft sehr luxuriös ausgestattet mit allem was man braucht. Ich war im Mehrbettzimmer, aber da sonst niemand da war, hatte ich es für mich allein. Den allgemeinen Luxus und die Privatsphäre habe ich sehr genossen und auskostet. Ich nehme die höheren Lebensstandards tatsächlich noch mal anders wahr, seit ich in Bolivien wohne: einerseits frage ich mich, wo da die Gerechtigkeit bleibt und wie sich das überhaupt irgendwer leisten kann und andererseits weiß ich ihn noch mal mehr zu schätzen als vorher.

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Der Blick aus meiner Tür

Nur die Moskitos waren wirklich zahlreich: trotz heller Klamotten saß oft ein ganzer Schwarm auf mir und mit dem süßen Blut, das ich habe, war ich am zweiten Abend komplett, und schlimmer als je zuvor, zerstochen.

Am ersten Nachmittag war ich nur mit einer anderen Brasilianerin Kanu fahren. Danach bin ich noch im Fluss schwimmen gegangen. Da werden auch Piranhas gefischt, aber so lange man keine blutenden Wunden hat, ist das wohl kein Problem. Es war wunderschön!

Am Donnerstag sind die andere Brasilianerin und ich mit einem Guide zu einem Pferdehof in der Nähe gefahren. Auf dem Weg dort hin haben wir Safari gemacht und viele Vögel und andere Tiere gesehen. (Sie waren jedoch nicht ganz einfach zu fotografieren, deswegen nur so wenige Fotos).

Das Reiten war sehr schön und vor allem unglaublich ruhig, aber wir haben eigentlich keine Tiere gesehen. Dabei waren wir so viel weniger laut als mit dem Safari-Wagen!

Mittags kam eine Familie mit zwei Töchtern (16 und 18 Jahre) aus São Paulo an. Statt dem normalen Nachmittagsprogramm (Piranha fischen und Sonnenuntergang vom Boot aus anschauen) habe ich ihr Angebot angenommen, mit ihnen und einem Guide Safari in ihrem Privatauto zu machen. Die Brasilianerin hatte mir nach dem Reiten erzählt, dass sie einen Jaguar gesehen hat und die Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Wir sind den ganzen Nachmittag unterwegs gewesen und haben auch viele Tiere gesehen: Jacarés (Alligatoren), Capivaras (Wasserschweine), Füchse, viele Vögel, darunter natürlich auch zahlreiche Tuiuius, das Wahrzeichen des Pantanals.

Die Familie hat mir ein wunderbares brasilianisches Verb beigebracht: “jacaresar”. Das leitet sich davon ob, wie Jacarés mit zur Hitzeregulierung weit aufgesperrtem Mund in der Sonne liegen. Sie sind also „jacaresando!” –  was sich auch auf Menschen die chillen übertragen lässt, wobei ich mir da einfach vorstellen muss, wie jemand mit offenem Mund in der Sonne liegt 😀

Als es dunkel war hat der Guide das Gebüsch mit einer starken Lampe abgeleuchtet. Und tatsächlich: kurz vor Ende schlich der Jaguar an der Straße entlang. Wow! Es war so schön zu wissen, dass er nicht gezwungenermaßen dort war, sondern dort lang schlich, weil es ihm gefiel.

Am nächsten Morgen haben wir noch eine Bootstour gemacht. Das letzte Stück bis zur Lodge haben wir uns mit jeweils zwei Schwimmnudeln ein Stück von der Flussströmung treiben lassen – jacaresando, halt!

Das nächste Ziel der Familie war auch Bonito und sie hatten angeboten mich mitzunehmen. Sie haben sich echt sehr lieb aufgenommen und mir sogar angeboten, dass ich mit den Töchtern in ihrem Hotel in einem Zimmer schlafen könnte. Das wäre nur leider mehr als doppelt so teuer gewesen wie mein Hostel (Hostel Catarino, sehr empfehlenswert).

Bonito ist wirklich eine süße kleine Stadt, aber sie lebt eben fast ausschließlich von Touristen. Das habe ich vor allem am zweiten Tag nachmittags gemerkt, als alle auf Tour waren, mir zwei Touren an einem Tag jedoch zu teuer waren. Denn die Touren haben wirklich ausgesprochen stolze Preise und ohne eigenem Auto kommen da immer noch hohe Taxikosten hinzu. Doch alles ist sehr gut organisiert und sein Geld schon wert. Außerdem hatte ich das Gefühl, als Touristin willkommen zu sein, eine Idee die mir in Bolivien völlig fremd geworden ist. Und es ist ein bewusster Tourismus, “Ökotourismus” wie er auch genannt wird. Zur Beleuchtung hängen in den Bäumen Glühbirne in abgeschnittenen Glasflaschen. Mit dem Pfandflaschensystem ist das in Deutschland nicht so wichtig, doch für Brasilien ist das schon ein interessanter Ansatz.

Abends hat die Familie mich eingeladen, mit ihnen zum “Projeto Jibóia” zu gehen, wo man mit einer Boa um den Hals ein Foto machen konnte – nach einem stundenlangen Vortrag. (Die drücken nicht zu, weil sie an Menschen gewöhnt sind).

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Der Typ hat gesagt ich soll auf Deutsch „Durchfall“, deswegen musste ich so sehr lachen!

Am nächsten Morgen haben sie mich im Hostel abgeholt und wir sind zusammen zum Ausgangspunkt der “Rio da Prata (Silberfluss) Schnorcheltour” gefahren: eine wunderschöne Farm mit biologischer Einstellung, der Möglichkeit im Garten der Hoffnung für 40 Reais einen Baum aus der eigenen Baumschule zu pflanzen, mit Garten, Wurmfarm und Doce de Leite Produktion über’m Holzfeuer.

Die Schnorcheltour war unglaublich! Es war wohl das schönste und surrealste was ich je gesehen habe! Eine komplett andere Welt. Es war so ruhig und eine ganz andere Art von Tourismus: wir haben einfach nur bewundert, geschaut, betrachtet. Nicht mal Müll zurücklassen konnten wir, weil wir nichts mitnehmen durften. Wir haben uns einfach von der Flussströmung durch das beeindruckend klare Wasser treiben lassen, von oben fielen die Sonnenstrahlen in Streifen ins Wasser, überall waren Schwärme von bunten Fische (die Fotos werden dem leider nicht ganz gerecht), die auch keine Scheu hatten, sich von Nahem betrachten zu lassen, ab und zu sprudelte Wasser aus einem Loch unter Wasser und einmal haben wir sogar einen Alligator unter Wasser gesehen! Wie ein Dino ist er über den weißen Sand spaziert.

Nachdem ich mich abends von der Familie verabschiedet habe, weil sie am nächsten Tag wieder die Heimreise antreten würden, bin ich mit der Hoffnung irgendwie Leute kennenzulernen, noch ein bisschen alleine durch die Straßen gestreift. Immer der Musik hinterher und so bin ich letztendlich auf der Praça gelandet, wo eine gut gelaunte Gruppe über Lautsprecher Musik abspielte. Warum, verstand ich erst als ein Pärchen begann zu “Thinking Out Loud” (wohl das einzige englische Lied, was sie spielten) zu tanzen. Das Lied ist eines meiner Lieblingslieder und meine Aufmerksamkeit war sofort gefesselt. Dass sie so wunderschön tanzen würden, hätte ich nicht erwartet. Besonders die Frau konnte sich unglaublich gut bewegen (später stellte sich heraus, dass sie Tanzlehrerin ist), aber ich denke, der Tanz hatte auch noch mal eine ganz besondere Qualität, weil es ihr Mann war, mit dem sie tanzte – und das zu dem Lied!

Ich schaute einfach, an eine Laterne gelehnt, weiter zu, bis plötzlich einer von ihnen auf mich zu kam und mich fragte, warum ich alleine sei. So kamen wir ins Gespräch und schauten dabei weiter zu. Ich erfuhr, dass sie von der Tanzschule “Escola de dança de salão harmonia” aus der etwa vier Stunden entfernten Stadt Campo Grande sind und es am Abend noch in einer nahegelegenen “Pousada” (Unterkunft) einen Maskenball gebe würde. Nach einer Weile kam ein gutaussehender Brasilianer auf mich zu und forderte mich zum Tanz auf. Es war wie im Film! Ich hatte zwar keine Ahnung von den Schritten, aber er konnte sehr gut führen. Vorher hatte ich noch bedauert, dass Brasilianer nicht ohne küssen tanzen können, doch diesmal wusste ich, dass alle Verführungen, alle Einladungen, das ganze Spiel Teil des Tanzes bleiben würden. Es ist so beeindruckend, was sich alles durch einen Tanz kommunizieren lässt. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese “Magie des Tanzes“ einmal selber spüren durfte.

Zu meiner großen Freude bot Kleyton, der mich ursprünglich angesprochen hatte, mir an, mit ihnen zum Maskenball zu kommen. So hatte ich eine wunderschöne Nacht, mit viel tanzen und viel Portugiesisch. Es war unglaublich! Was alleine reisen nicht alles mit sich bringt! Um vier Uhr morgens hat Kleyton mich wieder in mein Hostel gebracht und ich habe ganz wunderbar das Frühstück verschlafen.

Für mittags hatte ich mit meiner britischen Zimmergenossin eine Tour in die „Gruta do Lago Azul“ (Grotte des blauen Sees) gebucht. Es war schon schön, aber da die Sonne nicht schien, kam der blaue See leider nicht ganz so sehr zur Geltung (Saison ist von November bis Januar). Auch mein Plan noch mehr Brasilianer kennenzulernen ging nicht auf, denn außer mir sprach in der nur noch eine Brasilianerin Portugiesisch, dafür aber nicht so gut Englisch und so habe ich meistens übersetzt. Eine gute Übung!

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„Gruta do Lago Azul“ – ich glaube, dieses Foto übertrifft dank Blitz tatsächlich mal die Realität!

Nachmittags war ich ein bisschen planlos. Ich hatte noch einen Tag, aber den wollte ich eigentlich nicht alleine in Bonito verbringen. Deswegen habe ich gefragt, ob ich mit der Tanzschule nach Campo Grande fahren könnte, um dort abends in die Tanzstunden zu gehen. Der Plan ging bestens auf: am nächsten Morgen holte Kleyton mich noch mit zwei anderen im Hostel ab. Die Gruppe war bestens gelaunt! Die ganze Fahrt über lief brasilianische Musik und zwei haben sich im mitsingen gebattlet. In Campo Grande konnte ich bei einer Frau unterkommen, die ich auch am Samstag Abend auf der Praça kennengelernt hatte. Die Zeit bis zur ersten Tanzstunde habe ich genutzt, um ein paar Schritte durch Campo Grande zu machen und mir den Parque das Nações anzuschauen.

Insgesamt hat mir die Stadt ausgesprochen gut gefallen: Die Natur drum herum ist wunderschön, die Stadt selber ist für brasilianische Verhältnisse sehr grün, was ich gesehen habe war sauber und ordentlich, es gibt einen schönen Park und viele Fahrradfahrer. Die Größe ist mit nur 1 Mio Einwohner echt noch human. Sehr gefreut habe ich mich, als mich eine Frau angesprochen und nach dem Weg gefragt hat. Das erste Mal seit sieben Monaten, dass ich nicht gleich als Touristin abgestempelt wurde!

Die Tanzstunden waren sehr schön und lehrreich, jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, nicht alles wieder zu vergessen. Am Dienstag morgen musste ich dann endgültig die mehrtägigen Heimreise antreten: 7 Stunden zurück bis an die bolivinische Grenze, eine Nacht von Puerto Quijarro nach Santa Cruz und in der nächsten Nacht, weil die Busse nur abends fahren, von Santa Cruz nach Sucre. Machbar, aber nicht alle Tage.

Hier noch ein paar Eindrücke von meinem Tag in Santa Cruz:

Insgesamt war diese Reise nach Brasilien eine sehr wichtige und wunderschöne Erfahrung für mich. Endlich war ich einmal ganz auf mich gestellt in diesem Land, zu dem ich diese familiäre Verbindung habe, zu dem ich mich jedoch bis dahin noch nicht wirklich zugehörig gefühlt habe. Zu meiner großen Freude bin ich ausgesprochen gut alleine zurecht gekommen, wurde unglaublich lieb von den Leuten aufgenommen und habe durch das Tanzen eine ganz neue Verbindung zu dem Land entdeckt. Dass ich diese Erfahrung machen durfte, empfinde ich als sehr wertvoll. Ich empfinde einen ganz neuen Stolz, wenn ich daran denke, zu diesem Land zu gehören. Außerdem habe ich das Land und seine Leute noch mal auf einen ganz andere Weise kennengelernt: als unglaublich offen und hilfsbereit, wunderbar vorurteilsfrei, voller guter Laune und Musik, die mir gefällt. Ich war selten so oft in einer Gruppe von Leuten die einzige, die nicht in dem Land aufgewachsen ist, wie in diesen paar Tagen. Das war, wie ich mir mein Leben in Bolivien vorgestellt hatte, aber das ist wohl leider noch mal eine andere Nummer. Der Unterschied in der Art der Leute habe ich allgegenwärtig empfunden, sobald ich die Grenze übertreten habe.

Diese Reise hat mich an etwas erinnert, was ich schon vorher immer wieder gelernt hatte, besonders auf anderen Reisen alleine, doch in letzter Zeit ein bisschen vergessen hatte: die Welt ist voller Wunder und man muss sich nur treiben lassen, um sie zu erleben. Menschen sind unglaublich hilfsbereit und man braucht nur vertrauen und bekommt alles, was man braucht! (Jaja, die Eröffnungsfeier meiner Esoterikschule ist schon in Planung 😉 )

An dieser Stelle möchte ich mich noch ganz herzlich bei meinem Großonkel und meiner Großtante bedanken, die diese Reise finanziell möglich gemacht haben. Vielen, vielen Dank, ich werde sie nie vergessen!